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Das Original Hellinger® Familienstellen von Bert und Sophie Hellinger wird weltweit durch die Hellinger®schule angeboten.

Beim Original Hellinger® Familienstellen zeigt sich, was in Familien krank macht und den Einzelnen an einem erfüllten Leben hindert. Die Hintergründe von Konflikten im privaten und beruflichen Alltag werden erkannt und aufgelöst.

Die Hellinger®schule ist eine staatlich anerkannte Schul- und Bildungsmaß-nahme für Erwachsene.

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Bert Hellinger zur Weiterentwicklung seiner Arbeit und zu seinen Erfahrungen mit Autismus

Ein Interview von Gerhard Walper

Bert Hellinger wird innerhalb der 1. hessischen Regionaltagung "Wirken durch Zustimmung" (vom 15. -- 16. September 2004 in Friedberg) Aufstellungen mit Autisten, ihren Eltern, Lehrern und Betreuern durchführen. In dem folgenden Interview mit Gerhard Walper berichtet er von der aktuellen Weiterentwicklung seiner Arbeit und von einigen Erfahrungen aus Aufstellungen mit Autisten.

HELLINGER  Neben den Aufstellungen zum Autismus möchte ich bei dieser Tagung auch die Weiterentwicklung des Familien-Stellens zeigen. Eine Weiterentwicklung, die ich bei mir wahrnehme, ist: wenn man sich einer Situation wirklich aussetzt und wartet, dann kommt einem ein entscheidender Satz. Wenn man ihn ausspricht, braucht man nichts mehr anderes zu machen. Er hat eine ganz besondere Kraft und wirkt durch sich. Vorhin war ein Mann bei mir, der mit straffälligen Jugendlichen klettert und Familienaufstellungen macht. Wir haben miteinander gesprochen und ich habe ihm gesagt, warte mal, ich möchte einen Satz für dich finden, den du den Jugendlichen beim Klettern sagen kannst. Und der Satz war: "Hier hört es auf." Das ist ein vielschichtiger Satz, weil offen ist, was wo aufhört. Es kann zum Beispiel ein Verhalten sein, das sie ins Gefängnis gebracht hat. In Rom habe ich einer Frau gesagt: "Wer nach seinen Wünschen leben will, versäumt das Leben."

Es geht also darum, wie man solche Sätze finden kann. Ich möchte zeigen, wie man diese tiefe Schicht der Seele erreicht, von wo so ein Satz auf einmal aufsteigt. Wenn einem so ein Satz geschenkt wird, hat er eine schöne Wirkung. Das hat etwas Poetisches und ist im Grunde keine Therapie. Also, ich möchte mit den Teilnehmern einüben, wie man solche Sätze findet. Wenn man einige gehört hat und sie in sich hinein lässt, weiß man auf einmal, wie man sie finden kann.

Viele dieser Sätze sind ein Koan, Ich habe die Koans einmal definiert als "Etwas Widersprüchliches, das Sinn macht." Sie sind aufs Äußerste verdichtet und haben etwas, was einen nicht loslässt. Aber natürlich werde ich auch andere Vorgehensweisen anwenden, so wie es sich ergibt.

WALPER   Worauf sammelst du dich, wenn du die Augen schließt und wartest, bis ein Satz kommt?

HELLINGER   Ich sammle mich auf die Person und auf ihr System und ich warte, bis ein Satz kommt, der alles für alle verändert. Einen solchen Satz kann man sich nicht ausdenken und ihn auch nicht suchen. Man wartet einfach, ist offen und auf einmal ist er da, ganz überraschend.

Wenn wir so mit der Seele gehen, machen wir noch eine andere Erfahrung. Wir kommen in Tiefen der Seele, wo wir einigen Drachen begegnen. Wir meinen zuerst, sie seien hässlich und böse. Aber sie bewachen einen besonderen Schatz. Wenn wir uns ihnen stellen und uns mit ihnen versöhnen, dann führen sie uns zu etwas Wesentlichem.

WALPER   Im Februar hast du während der Tagung in Garmisch einige Beobachtungen aus Aufstellungen mit Autisten geschildert. Sind neue hinzugekommen?

HELLINGER   In Taiwan und in China habe ich zwei Aufstellungen gemacht mit den anwesenden autistischen Kindern. Ein 14-jähriger Junge war mit seiner Mutter gekommen, einer Psychotherapeutin. Wir haben in ihre Familie geschaut und fanden heraus, dass es dort einen Mord gab. Der Ermordete war anscheinend auch ein Mörder, so hat es sich bei der Aufstellung herausgestellt. Jedenfalls lagen zum Schluss alle auf dem Boden. Der Mörder des Bruders des Großvaters streckte seine Arme zur Seite aus. Daraufhin habe ich den autistischen Jungen neben ihn gelegt und er hat den Jungen in den Arm
genommen. Der Junge wurde total ruhig und war auf einmal völlig normal. Er bliebe während des ganzen Kurses und hat später noch einen Kurs von Netra (den Organisator des Kurses in Taiwan) besucht, weil ihn das so fasziniert hat. Er hat gesprochen, war völlig normal, hochintelligent. Auf einmal war bei ihm ein Bann gelöst. Netra hat mir das 14 Tage später in China erzählt, es war völlig überraschend.

Jedenfalls geht es darum, dass man einem System eine neue Perspektive eröffnet, sodass die Liebe fließt und eine gelöste Stimmung entsteht. Ich möchte bei deiner Tagung im September ausprobieren, wie man Familien mit autistischen Kindern helfen kann. Es geht nicht darum, dass man ein Kind heilt, das wäre anmaßend bei so einer schweren Krankheit. Ich sehe das auch als ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem du und andere Kollegen, z.b. Sieglinde Schneider, die viele positive Erfahrungen mit autistischen Kindern gemacht hat, ihre Erfahrungen beitragen. Ich möchte das einfach weiter verfolgen.

WALPER   In Garmisch hast du die folgende Hypothese formuliert: Der Autist hält einen Schrei zurück oder auch ein Wort. Wenn dieses Wort oder dieser Schrei zum Ausdruck kommen, öffnet sich etwas in der Seele. Die Liebe kann wieder fließen und der Autist kann wieder wahrnehmen und Kontakt aufnehmen.

HELLINGER   Ja. Ich hatte vorher schon einige Erfahrungen mit Autisten gemacht und wollte das in einer Aufstellung in Garmisch testen. Das Wort, welches das autistische Kind in dieser Aufstellung nicht sagen konnte, war "Mama". Es gibt hier viele unterschiedliche Zusammenhänge. In dem Kurs für Psychotiker in Santa Barbara war auch eine Familie mit Autisten. Die Aufstellung war sehr dramatisch und es zeigte sich hier auch ein neuer Aspekt. Man kann den Autismus nicht auf einfache Muster zurückführen, das wäre viel zu primitiv. Der Autist ist einer, der mit Liebe etwas auf sich nimmt. Er kommt zur Ruhe, wenn ihn jemand mit Liebe aufnimmt, vor allem der, für den er etwas übernommen hat. Häufig ist das ein Verbrecher. Aber ich reduziere es nicht darauf. Ich bleibe wach und wenn sich anderes zeigt, stelle ich mich darauf ein.

Wenn wir in dem Kurs im September gemeinsam beobachten, was abläuft und uns darüber austauschen, kommen wir sicher zu vielen Einsichten, die uns helfen, auch mit solchen Schicksalen gelassener und auch sorgfältig umzugehen. Wir werden uns also mit einer gewissen Neugierde und mit Engagement auf neues Territorium begeben. Mit aller Vorsicht, aber auch mit Mut.

WALPER   Ein schönes Schlusswort, herzlichen Dank für das Gespräch.