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"Wie Liebe gelingt" von Bert Hellinger (Auszug aus einem Workshop) Ordnung und Liebe
Viele dieser Ordnungen sind geheim. Man kann sie nicht ergründen. Sie sind tief in der Seele wirksam, und oft überdecken wir sie mit Gedanken, mit Einwänden, mit Wünschen, mit Ängsten. Man muß an die Tiefe der Seele rühren, um die Ordnungen der Liebe zu erfahren. Das Nehmen des Lebens Ich sage zuerst etwas über die Ordnungen der Liebe zwischen Eltern und Kindern, und zwar aus der Sicht des Kindes, vom Kind zu den Eltern. Dabei nenne ich einige Binsenwahrheiten. Sie sind so selbstverständlich, daß ich mich fast schäme, sie zu nennen. Dennoch werden sie oft vergessen. Das erste ist, daß die Eltern, wenn sie das Leben geben, dem Kind in diesem tiefsten menschlichen Vollzug alles geben, was sie haben. Sie können dem nichts hinzufügen und sie können auch nichts davon weglassen. Vater und Mutter geben im Vollzug der Liebe das Ganze, was sie haben. Zur Ordnung der Liebe gehört daher, daß das Kind das Leben so nimmt, wie die Eltern es geben. Das Kind kann nichts davon weglassen oder wegwünschen. Es kann dem auch nichts hinzufügen. Das Kind ist seine Eltern. Daher gehört zur Ordnung der Liebe für ein Kind als erstes, daß es seinen Eltern zustimmt, wie sie sind, ohne irgendeinen anderen Wunsch und ohne irgendeine Angst. Nur so kommt das Leben dem einzelnen zu, durch seine Eltern, wie sie sind. Dieses Nehmen ist ein ganz tiefer Vollzug. Es beinhaltet die Zustimmung zum Leben und zum Schicksal, so wie es mir durch meine Eltern vorgegeben ist. Mit den Grenzen, die mir dadurch gesetzt werden. Mit den Möglichkeiten, die mir damit geschenkt werden. Mit den Verstrickungen in die Schicksale dieser Familie und in die Schuld dieser Familie, in ihr Schweres und Leichtes, was immer. Diese Zustimmung ist ein religiöser Vollzug. Sie ist eine Entäußerung, ein Verzicht auf Ansprüche, die über das hinausgehen, was von meinen Eltern auf mich übergegangen ist. Diese Zustimmung geht weit über die Eltern hinaus. Daher muß ich bei diesem Vollzug nicht nur die Eltern anschauen. Ich muß über sie hinweg, weit in die Ferne schauen, dorthin, von wo das Leben herkommt, und mich verneigen vor seinem Geheimnis. Im Nehmen meiner Eltern stimme ich diesem Geheimnis zu und füge mich ihm. Ihr könnt in der eigenen Seele nachprüfen, welche Wirkung es hat, wenn ihr euch vorstellt, ihr verneigt euch vor euren Eltern, ganz tief, und ihr sagt ihnen: "Ich nehme es zum vollen Preis, den es euch gekostet hat, und den es mich kostet. Ich nehme es mit allem, was dazu gehört, mit den Grenzen und den Chancen." In dem Augenblick weitet sich das Herz. Wem dieser Vollzug gelingt, der ist mit sich selbst im reinen und er fühlt sich ganz. Ihr könnt euch dann, gleichsam als Gegenprobe, auch die Wirkung vom Gegenteil vorstellen. daß einer sagt: "Ich möchte andere Eltern haben, so, wie sie sind, mag ich sie nicht." Was für eine Anmaßung! Wer so redet fühlt sich und leer und arm und kann nicht mit sich im reinen sein. Manche meinen, wenn sie ihre Eltern als Ganzes nehmen, könnte etwas Schlimmes in sie einfließen. Sie setzen sich dann nicht dem Leben aus als Ganzem. Damit geht ihnen aber auch das Gute verloren. Wer seinen Eltern zustimmt, wie sie sind, der nimmt die Fülle des Lebens, wie es ist. Das Besondere Es gibt aber noch ein Geheimnis dabei. Ich kann es nicht begründen. Jeder erfährt nämlich, daß er auch etwas Einzigartiges hat etwas ganz Eigenes Unwiederholbares, etwas, das nicht von seinen Eltern abgeleitet werden kann. Auch dem muß er zustimmen. Das kann etwas Leichtes sein oder etwas Schweres, etwas Gutes, aber auch etwas Böses. Wir können das nicht beurteilen. Wer aber unbefangen in die Welt schaut und in sein eigenes Leben, der kann sehen: was immer er tut, ist gefügt. Was immer einer macht oder unterläßt, wofür er ist oder wogegen: er macht es, weil er in einen Dienst genommen ist, den er nicht versteht. Wenn der einzelne sich dem anvertraut, erlebt er das wie eine Aufgabe oder wie eine Berufung, die nicht auf seinem Verdienst beruht. Auch nicht auf seiner Schuld, wenn es zum Beispiel etwas Schweres ist oder etwas Grausames. Er ist in Dienst genommen. Wenn ich die Welt so anschaue, hören die gängigen Unterscheidungen auf. Ich beschreibe das in einem Spruch. Er heißt: Das Gleiche
Soviel also zur Grundordnung des Lebens. Es ist uns vorgegeben, daß wir Eltern haben und Kinder sind. Und wir haben auch etwas Eigenes. Nehmen, was die Eltern sonst noch geben Nun ist es aber so, daß die Eltern den Kindern nicht nur das Leben geben. Sie geben uns auch noch anderes. Sie nähren uns, erziehen uns, passen auf uns auf, was immer. Für das Kind ist es gemäß, daß es all dies so nimmt, wie es das bekommt. Wenn das Kind es bereitwillig nimmt, ist es in der Regel genug. Es gibt Ausnahmen, die kennen wir alle, aber in der Regel ist es genug. Es mag nicht immer das sein, was wir uns wünschen, aber es ist genug. Zur Ordnung würde nun gehören, daß das Kind den Eltern sagt: "Ich habe viel bekommen. Ich weiß, es ist sehr viel, und es genügt. Ich nehme es mit Liebe." Dann fühlt sich das Kind voll und reich, was immer auch war. Dann fügt es hinzu: "Den Rest mache ich selbst." Auch das ist ein schöner Gedanke. Dann kann das Kind den Eltern noch sagen: "Und jetzt lasse ich euch in Frieden." Die Wirkung dieser Sätze geht sehr tief, denn nun hat das Kind seine Eltern, und die Eltern haben das Kind. Gleichzeitig sind beide getrennt und frei. Die Eltern haben ihr Werk abgeschlossen, und das Kind ist frei, zu sein Leben zu leben, in Achtung vor den Eltern, ohne Abhängigkeit. Nun stellt euch mal das Gegenteil vor, wenn ein Kind den Eltern sagt: "Was ihr mir gegeben habt, war erstens das Falsche und zweitens zu wenig. Ihr schuldet mir noch eine Menge." Was hat dieses Kind von seinen Eltern? Nichts hat es. Und was haben die Eltern vom Kind? Auch nichts. Ein solches Kind kann sich nicht von seinen Eltern lösen. Der Vorwurf und der Anspruch binden es an seine Eltern, aber so, daß es sie nicht hat. Es fühlt sich leer und klein und schwach. Das wäre die zweite Ordnung der Liebe zwischen Kindern und Eltern. Das Kindermaß Dann gibt es etwas, was die Eltern erwerben durch persönliches Verdienst. Wenn die Mutter zum Beispiel besonders begabt ist - nehmen wir mal an, sie ist eine Malerin und kann wunderschöne Bilder malen - dann gehört das ihr, nicht dem Kind. Das Kind kann nicht den Anspruch erheben, gut zu malen, wenn es sich diesen Anspruch nicht durch eigene Begabung und eigenen Fleiß verdient hat. Ähnliches gilt vom Reichtum der Eltern. Das Kind hat keinen Anspruch darauf, zum Beispiel auf das Erbe. Wenn es davon etwas bekommt, ist es ein reines Geschenk. Das gilt auch für persönliche Schuld der Eltern. Auch sie gehört ihnen allein. Manchmal nimmt sich ein Kind heraus, aus Liebe diese Schuld auf sich zu nehmen, sie für die Eltern zu tragen. Auch das ist gegen die Ordnung. Das Kind maßt sich damit etwas an, was ihm nicht zusteht. Wenn zum Beispiel Kinder für die Eltern sühnen wollen, erheben sie sich über sie. Dann werden die Eltern behandelt wie Kinder, um die sich ihre Kinder kümmern müssen, als seien sie die Eltern. Vor kurzem hatte ich in einer Gruppe eine Frau, deren Vater blind war und deren Mutter taub. Die beiden haben sich gut ergänzt. Die Frau aber meinte, daß sie sich um ihre Eltern kümmern müßte. Als ich ihre Familie aufgestellt habe, hat sie sich verhalten, als sei sie die Große. Doch die Mutter hat ihr Kind gesagt: "Das mit dem Papa kann ich ganz alleine." Und der Vater hat ihr gesagt: "Das mit der Mama kann ich ganz alleine. Wir brauchen dich nicht dazu." Da war die Frau sehr enttäuscht. Sie wurde auf ihr Kindermaß zurückgestutzt. In der folgenden Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie hatte überhaupt Schwierigkeiten zu schlafen. Sie hat mich gefragt, ob ich ihr helfen könne. Ich sagte ihr: "Wer nicht schlafen kann, meint vielleicht, er müsse aufpassen." Dann habe ich ihr eine Geschichte von Borchert über einen kleinen Jungen erzählt, der nach dem Krieg in Berlin auf seinen toten Bruder aufpaßte, damit ihn die Ratten nicht anfressen. Das Kind war ganz erschöpft, weil es meinte, es müsse wachen. Dann kam ein freundlicher Mann vorbei und sagte: ""Nachts schlafen die Ratten doch." Und das Kind schlief ein. Die nächste Nacht hat sie besser geschlafen. Also, zu den Ordnungen der Liebe zwischen Kindern und Eltern gehört als drittes, daß wir achten, was den Eltern persönlich gehört und was sie alleine machen können und müssen. Nehmen und Fordern Noch ein Viertes gehört zu den Ordnungen der Liebe zwischen Kindern und Eltern. Die Eltern sind groß, und die Kinder sind klein. Deswegen ist es gemäß, daß die Kinder nehmen, und die Eltern geben. Weil das Kind so viel bekommt, hat es das Bedürfnis auszugleichen. Wir halten es schwer aus, wenn wir etwas bekommen, ohne daß wir selber geben. Aber bei unseren Eltern können wir niemals ausgleichen. Sie geben immer sehr viel mehr als wir zurückgeben können. Einige Kinder drücken sich vor dem Druck auszugleichen, vor der gefühlten Verpflichtung oder Schuld. Dann sagen sie: "Ich nehme lieber nichts, dann fühle ich auch keine Verpflichtung und Schuld." Solche Kinder verschließen sich ihren Eltern und fühlen sich entsprechend arm und leer. Die Ordnung wäre, daß sie sagen: "Ich nehme alles mit Liebe." Sie strahlen die Eltern an, und die Eltern sehen, wie glücklich ihre Kinder sind. Das ist eine Weise des Nehmens, die gleichzeitig ausgleicht, weil sich die Eltern sich durch dieses Nehmen mit Liebe geachtet fühlen. Sie geben dann umso lieber. Wenn die Kinder aber sagen: "Ihr müßt mir noch mehr geben", dann schließt sich das Herz der Eltern. Weil das Kind fordert, können sie das Kind nicht mehr mit Liebe überschütten. Das ist die Wirkung von solchen Ansprüchen. Auch das Kind, selbst wenn es etwas bekommt, kann es das nicht nehmen. Der Ausgleich Der eigentliche Ausgleich von Geben und Nehmen in der Familie ist das Weitergeben. Wenn das Kind sagt: "Ich nehme alles, und wenn ich groß bin, gebe ich es weiter", sind die Eltern glücklich. Das Kind schaut also beim Geben nicht zurück, es schaut nach vorne. Die Eltern haben es ja auch so gemacht. Sie haben von ihren Eltern genommen und es an ihre Kinder weitergegeben. Gerade, weil sie so viel genommen haben, sind sie unter dem Druck, viel weiterzugeben, und können es dann auch. Soviel zu den Ordnungen der Liebe zwischen Kindern und Eltern. Die Sippe Nun gehören wir nicht nur zu unseren Eltern, wir gehören auch zu einer Sippe, zu einem größeren System. Die Sippe verhält sich, als wäre sie gesteuert von einer allen gemeinsamen, übergeordneten Instanz. Man kann das vergleichen mit einem Vogelschwarm. Plötzlich fliegen alle in eine andere Richtung, als wären sie von einer allen gemeinsamen übergeordneten Kraft bewegt. In der Sippe wirkt diese übergeordnete Instanz wie ein allen gemeinsames Gewissen. Dieses Gewissen wirkt weitgehend unbewußt, und wir erkennen die Ordnungen, denen es dient, aus der Wirkung, wenn man sie achtet oder gegen sie verstößt. Ich will zuerst den Personenkreis benennen, der von diesem Gewissen erfaßt und gesteuert wird. An der Wirkung kann man nämlich die Reichweite dieses Gewissens erkennen. Es gehören dazu:
Das Recht auf Zugehörigkeit Innerhalb dieser Sippe gilt die Grundordnung, das Grundgesetz, daß jeder, der ihr angehört, das gleiche Recht auf Zugehörigkeit hat. In vielen Familien und Sippen werden bestimmte Mitglieder ausgeschlossen, zum Beispiel, wenn einige sagen: "Dieser Onkel ist ein Taugenichts, der gehört nicht zu uns", oder: "Von diesem unehelichen Kind wollen wir nichts wissen". Dadurch wird denen das Recht auf Zugehörigkeit verwehrt. Oder es gibt einige, die sagen: "Ich bin katholisch, und du bist evangelisch. Ich als Katholik habe mehr Recht dazuzugehören als du." Oder umgekehrt: "Ich als Protestant habe mehr Recht, denn ich bin mehr im rechten Glauben. Du bist weniger gläubig als ich, also hast du weniger Recht dazuzugehören." Das gibt es heute nicht mehr so häufig wie früher, aber es gibt es immer noch. Oder wenn ein Kind früh stirbt, geben die Eltern dem Kind, das nach ihm kommt, den gleichen Namen wie dem verstorbenen. Damit sagen sie dem toten Kind: "Du gehörst nicht mehr dazu. Für dich haben wir einen Ersatz." Das tote Kind behält dann nicht einmal mehr seinen eigenen Namen. Oft wird es nicht mehr dazugezählt und nicht mehr erwähnt. So wird ihm das gleiche Recht auf Zugehörigkeit verwehrt und abgesprochen. Sehr viel Moral, wenn sich einige besser fühlen als andere und sich über sie erheben, heißt in der Praxis: "Ich habe größeres Recht dazuzugehören als du." Oder wenn man jemanden verteufelt oder für böse hält, sagt man ihm in der Praxis: "Du hast weniger Recht dazuzugehören als ich." Gut heißt dann: "Ich habe mehr Rechte", und böse heißt: "Du hast weniger Rechte". Ausgeschlossene werden vertreten Dieses Grundgesetz, daß jeder das gleiche Recht auf Zugehörigkeit hat, verträgt keine Verletzung. Wo so etwas geschieht, gibt es in diesem System unbewußt ein Bedürfnis nach Ausgleich, das dazu führt, daß die Ausgeschlossenen oder die Verachteten später von einem Mitglied der Familie vertreten werden, ohne daß dieses das weiß. Wenn zum Beispiel ein Mann in der Ehe eine andere Frau kennenlernt und dann seiner Frau sagt: "Ich will nichts mehr von dir wissen", und wenn er dazu auch noch fadenscheinige Begründungen erfindet und der Frau dadurch Unrecht getan wird, dann wird diese Frau, wenn er die andere heiratet und mit ihr Kinder hat, von einem dieser Kinder vertreten. Dieses Kind wird dann zum Beispiel den Vater mit dem gleichen Haß bekämpfen, wie ihn die Verstoßene hat. Sie weiß aber gar nicht, daß sie diese vertritt. Hier wirkt eine geheime Kraft auf Ausgleich hin, damit das Unrecht, das der Früheren angetan wurde, von einer Späteren gerächt wird. Viele schlimme Ereignisse in der Familie wie Fehlverhalten von Kindern, aber auch Krankheiten, Unfall- und Selbstmordgefährdung kommen daher, weil das Kind unbewußt einen Ausgeschlossenen vertritt und diesen zur Geltung bringen will. Dabei zeigt sich noch eine andere Eigenschaft der übergeordneten Instanz. Sie läßt Gerechtigkeit walten gegenüber den Früheren, und Ungerechtigkeit gegenüber den Späteren. Die Lösung Die Lösung aus einer solchen Verstrickung wird möglich, wenn die Grundordnung wiederhergestellt wird, wenn also die Ausgeschlossenen wieder aufgenommen und geachtet werden. Dann müßte zum Beispiel die zweite Frau zur ersten sagen: "Ich habe den Mann auf deine Kosten. Ich würdige das und ich anerkenne, daß dir Unrecht getan wurde. Bitte sei freundlich zu mir und zu meinen Kindern." Dadurch wir die erste Frau geachtet. Bei Familienaufstellungen kann man sehen, wie sich dann das Gesicht der ersten Frau löst, wie sie auf einmal freundlich wird, weil sie geachtet ist. Dadurch wird anerkannt, daß auch sie dazugehört. Zur Lösung gehört auch, daß das Kind, das diese Frau nachahmt, ihr innerlich sagt: "Ich gehöre nur meiner Mutter und meinem Vater. Was zwischen euch Erwachsenen war, geht mich nichts an." Es sagt seinem Vater: "Du bist mein Vater, und ich bin dein Kind. Bitte, schau mich an als dein Kind." Dann braucht der Vater in ihr nicht mehr die frühere Frau zu sehen, nicht mehr dem Haß oder der Trauer zu begegnen, den diese vielleicht hat. Oder wenn er sie noch liebt, braucht er das Kind nicht als eine Geliebte zu sehen, sondern nur als sein Kind. Dann kann das Kind Kind sein, und der Vater ist Vater. Das Kind muß dem Vater auch sagen: "Das hier ist meine Mutter. Mit deiner früheren Frau habe ich nichts zu tun. Ich nehme meine Mutter. Sie ist für mich die Richtige." Und dann muß es der Mutter sagen: "Mit der anderen Frau habe ich nichts zu tun." Sonst wird dieses Kind eine Rivalin der Mutter und kann nicht Kind sein. Die Mutter sieht in ihr vielleicht unbewußt die andere Frau, und dann kommen Mutter und Tochter in Konflikt miteinander wie zwei rivalisierende Geliebte. Wenn das Kind aber sagt: "Du bist meine Mutter und ich bin das Kind, mit der anderen habe ich nichts zu tun. Ich nehme dich als meine Mutter. Bitte nimm mich als dein Kind", dann wird die Ordnung hergestellt. Es gibt aber noch viel schwerwiegendere Verstrickungen. Wenn zum Beispiel in einer Familie ein Kind früh stirbt, haben die lebenden Kinder oft ein Schuldgefühl, daß sie am Leben sind, obwohl das andere Geschwister tot ist. Sie meinen, sie haben einen Vorteil, weil sie leben, und das andere hat einen Nachteil, weil es tot ist. Dann wollen sie das ausgleichen, zum Beispiel indem sie es sich schlecht gehen lassen oder krank werden oder sogar, indem sie sterben wollen, ohne daß sie wissen, wieso. Hier wäre die Ordnung der Liebe, daß sie dem toten Geschwister innerlich sagen: "Du bist mein Bruder - oder meine Schwester - ich achte dich als meinen Bruder und als meine Schwester. In meinem Herzen hast du einen Platz. Ich verneige mich vor deinem Schicksal, wie immer es war, und ich stehe zu meinem Schicksal, wie es mir bestimmt ist." Dann ist das tote Kind geachtet, und das andere kann ohne Schuldgefühl am Leben bleiben. Das magische Weltbild und seine Folgen Ein Beispiel dafür ist die Magersucht. Eine Magersüchtige wird immer weniger, verschwindet sozusagen, bis sie stirbt. In der Seele sagt dieses Kind seinem Vater oder seiner Mutter: "Lieber verschwinde ich als du." Hier wirkt eine tiefe Liebe. Aber wenn das Kind tot ist, was bewirkt sie? Sie ist völlig umsonst. Wenn ich mit einer Magersüchtigen arbeite, lasse ich sie ihrem Vater oder ihrer Mutter in die Augen schauen und sagen: "Lieber verschwinde ich als du."Wenn sie ihnen dabei in die Augen schaut, bis sie sie wirklich sieht, kann sie diesen Satz nicht mehr sagen, weil es sieht: der Vater oder die Mutter wird das nicht von ihm nehmen. Bei der magischen Liebe wird nämlich völlig verkannt, daß auch der andere liebt, und daß er das ablehnen würde, ganz abgesehen davon daß sie vergeblich sein würde. Wenn die Mutter bei der Geburt eines Kindes starb, hat dieses Kind es sehr schwer, sein Leben zu nehmen. Es müßte der Mutter in die Augen schauen und sagen: "Mama, auch um diesen hohen Preis nehme ich es; und ich mache etwas daraus, dir zum Andenken. Du sollst wissen, es war nicht umsonst." Das ist dann Liebe auf einer höheren Ebene. Sie verlangt den Abschied von der magischen Vorstellung, in das Schicksal der anderen eingreifen und es wenden zu können. Sie verlangt den Übergang von einer Liebe, die krank macht, zu einer Liebe, die heilt. Die magische Vorstellung und Liebe ist verbunden mit einer Anmaßung, mit dem Gefühl von Macht und Überlegenheit. Das Kind meint wirklich, es könne durch sein Kranksein und sein Sterben jemanden anderen von seinem Kranksein und vom Tod erretten. Auf diese Vorstellung zu verzichten, gelingt nur durch Demut. Soweit also über Ordnungen der Liebe im Verhältnis von Kindern und Eltern. Männer und Frauen Ich will nun auch noch etwas sagen über die Ordnungen der Liebe in der Paarbeziehung. Dieses Thema liegt uns am nächsten. Manche schämen sich dessen, als sei es etwas, was man verheimlichen muß. Denn das, was Männer und Frauen unterscheidet, wirklich unterscheidet, wird ja versteckt. Man kann auch sagen, es wird behütet. Es ist nämlich die Stelle, an der jeder am verwundbarsten ist. Es ist die eigentliche Stelle der Scham. Scham heißt in diesem Zusammenhang, ich bewahre etwas, damit nichts Schlimmes passiert. Und es ist die Stelle, an der wir uns am meisten ausgeliefert fühlen. Einige reden dann abfällig vom sexuellen Trieb und vergessen, daß er ist die eigentliche Kraft ist, die tiefste Kraft, die alles zusammenhält und steuert. Die jeden in den Dienst nimmt, ohne daß er sich dagegen wehren kann. Vernünftig würde niemand heiraten oder Kinder bekommen. So etwas bringt nur dieser Trieb zustande. Durch ihn sind wir am tiefsten im Einklang sind mit der Seele der Welt. Dieser Trieb ist das Geistigste, was es gibt. Jeder Verstand und jede vernünftige Überlegung verblaßt vor der Kraft, die hinter diesem Trieb wirkt. Zur Ordnung der Liebe zwischen Mann und Frau gehört daher als erstes, daß der Mann zugibt, daß ihm die Frau fehlt, und daß er von sich aus nie erreichen kann, was eine Frau hat. Und daß die Frau zugibt, daß ihr der Mann fehlt, und daß sie von sich aus nie erreichen kann, was der Mann hat. Dann erleben sich beide als unvollständig und sie geben es zu. Wenn der Mann zugibt, daß er die Frau braucht und erst Mann wird durch die Frau, und wenn die Frau zugibt, daß sie den Mann braucht und erst Frau wird durch den Mann, dann bindet sie diese Bedürftigkeit zusammen. Gerade, weil sie es zugeben. Dann bekommt der Mann von der Frau das Weibliche geschenkt, und die Frau bekommt vom Mann das Männliche geschenkt. Nun stellt euch mal vor, wenn ein Mann in sich das Weibliche entwickelt und eine Frau in sich das Männliche entwickelt wie viele sich das als ein Ideal vorstellen, und dieser Mann, der in sich das Weibliche entwickelt hat, sich mit einer Frau verbinden will, die in sich das Männlich entwickelt hat. Wie tief kann diese Beziehung sein? Im Grunde brauchen sie einander nicht. Doch wenn der Mann auf das Weibliche in sich verzichtet, und die Frau auf das Männliche in sich verzichtet, dann brauchen sie einander und es hält sie zusammen. Die Bindung Wenn Mann und Frau sich gegenseitig im vollen Sinn als Mann und Frau nehmen, entsteht durch den Vollzug ihrer Liebe eine Bindung. Diese Bindung ist unauflöslich. Das hat nichts zu tun mit der kirchlichen Morallehre von der Unauflöslichkeit der Ehe. Der Vollzug der Liebe schafft eine Bindung unabhängig von der Ehe und unabhängig von irgendwelchen äußeren Riten. Daß es eine solche Bindung gibt, sieht man an der Wirkung. Wer sich zum Beispiel vom Partner, mit dem er durch den Vollzug der Liebe verbunden war, leichtfertig trennt, wird einen anderen Partner in einer zweiten Beziehung in der Regel nicht halten können. Denn der zweite Partner spürt die Bindung an den ersten und traut sich dann nicht, ihn voll zu nehmen. Wenn ein Mann eine Frau sitzen läßt und wieder heiratet, mag sich die zweite Frau vielleicht für besser halten und sagen: "Jetzt habe ich ihn für mich." Sie wird ihn aber verlieren. Wenn sie triumphiert, wird sie ihn verlieren. Dadurch anerkennt sie seine Bindung an die erste Frau. Und sie wird den Mann nicht voll nehmen. Bei Familienaufstellungen kann man sehen, daß eine zweite Frau etwas vom Mann abrückt. Sie traut sich nicht, sich nah zu ihm zu stellen, weil es nicht die erste Bindung ist, sondern die zweite. Die Tiefe der Bindung kann man ablesen an der Wirkung. Die Trennung von der ersten Liebe gelingt am schwersten. Sie tut am meisten weh. Wenn eine zweite Bindung auseinandergeht, ist der Schmerz geringer. Bei der dritten ist er noch geringer. Bindung ist aber nicht dasselbe wie Liebe. Die Liebe kann gering sein und die Bindung tief. Umgekehrt kann die Liebe tief sein und die Bindung gering. Die Bindung entsteht durch den sexuellen Vollzug. Deswegen entsteht sie auch beim Inzest und bei einer Vergewaltigung. Damit später eine neue Bindung möglich wird, muß die erste auf gute Weise gelöst werden. Sie wird gelöst, wenn sie anerkannt wird und der Partner aus der ersten Bindung gewürdigt wird. Wer die erste Bindung verteufelt, verhindert die nächste Bindung. Die Rangfolge Die Frucht der Liebe zwischen Mann und Frau sind die Kinder. Auch hier gilt es eine Ordnung der Liebe zu beachten, eine Rangfolge der Liebe. Sie richtet sich nach dem Anfang. Das heiß, was früher war hat, in der Regel, Vorrang vor dem, was später kam. In einer Familie gab es zuerst das Paar von Mann und Frau. Ihre Liebe begründet die Familie. Daher hat ihre Liebe als Mann und Frau Vorrang vor allem, was später kommt, also vor ihrer Liebe als Eltern zu ihren Kindern. Oft ist es aber in Familien so, daß die Kinder die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dann sind die Eltern nicht mehr in erster Linie ein Paar, sondern Eltern. Den Kindern geht es dabei eher schlecht. Wenn die Paarbeziehung Vorrang hat, sagt der Vater seinem Kind: "In dir achte und liebe ich auch deine Mutter." Und die Mutter sagt dem Kind: "In dir achte und liebe ich auch deinen Vater." Und die Frau sagt dem Mann: "In unseren Kindern achte und liebe ich dich." Und der Mann sagt zur Frau: "In unseren Kindern achte und liebe ich dich." Dann ist die Elternliebe die Fortsetzung der Paarliebe. Sie hat dann Vorrang. Die Kinder fühlen sich dann sehr wohl. Manche Familien sind Zweitfamilien oder Drittfamilien, zum Beispiel, wenn der Mann und die Frau schon vorher verheiratet waren und Kinder aus der früheren Ehe in die neue Ehe mitgebracht haben. Wie ist dann die Rangfolge? Sie sind zuerst Vater und Mutter ihrer Kinder. Dann erst sind sie ein Paar. Ihre Paarliebe kann sich nicht in den Kindern fortsetzen, denn sie sind schon vorher Eltern gewesen. Dann muß der neue Partner anerkennen, daß der neue Partner in erster Linie Vater oder Mutter seiner Kinder ist, und daß seine größte Liebe und seine größte Kraft seinen Kindern zufließt, und in den Kindern natürlich auch noch dem früheren Partner. Erst dann fließt seine Liebe und Kraft auch dem neuen Partner zu. Wenn beide Partner das anerkennen, kann ihre Liebe gelingen. Wenn aber der eine dem anderen sagt: "Ich habe in der Liebe den Vorrang und dann erst kommen deine Kinder", ist die Beziehung in Gefahr. Das läßt sich auf die Dauer nicht durchhalten. Wenn sie später auch gemeinsame Kinder haben, dann sind sie in erster Linie Vater und Mutter der Kinder aus iher ersten Ehe, in zweiter Linie sind sie ein Paar und in dritter Linie sind sie Eltern für ihre gemeinsamen Kinder. Das wäre hier die Ordnung. Wenn man das weiß, kann man in vielen Familien Konflikte lösen oder vermeiden. Soweit zu einigen der Ordnungen der Liebe in der Beziehung zwischen Mann und Frau.
Zum Schluß erzähle ich zur Liebe noch eine Geschichte. Sie heißt: Zweierlei Glück In alter Zeit, als die Götter den Menschen noch sehr nahe schienen, lebten in einer kleinen Stadt zwei Sänger namens Orpheus. Der eine von den beiden war der Große. Er hatte die Kithara erfunden, eine Vorform der Gitarre, und wenn er in die Saiten griff und sang, war die Natur um ihn verzaubert. Wilde Tiere lagen zahm zu seinen Füßen, hohe Bäume bogen sich ihm zu: nichts konnte seinen Liedern widerstehen. Weil er so groß war, warb er um die schönste Frau. Danach begann der Abstieg. Während er noch Hochzeit hielt, starb die schöne Eurydike, und der volle Becher, noch während er ihn hob, zerbrach. Doch für den großen Orpheus war der Tod noch nicht das Ende. Mit Hilfe seiner hohen Kunst, fand er den Eingang in die Unterwelt, stieg hinab ins Reich der Schatten, setzte über den Strom des Vergessens, kam vorbei am Höllenhund, trat lebend vor den Thron des Totengottes und rührte ihn mit seinem Lied. Der Tod gab Eurydike frei - doch unter einer Bedingung, und Orpheus war so glücklich, daß ihm die Häme hinter dieser Gunst entging. Er machte sich auf den Weg zurück und hörte hinter sich die Schritte der geliebten Frau. Sie kamen heil am Höllenhund vorbei, setzten über den Strom des Vergessens, begannen den Aufstieg zum Licht, sahen es von ferne. Da hörte Orpheus einen Schrei - Eurydike war gestolpert - erschrocken drehte er sich um, sah noch die Schatten fallen in die Nacht und war allein. Und fassungslos vor Schmerz sang er das Abschiedslied: "Ach, ich habe sie verloren, all mein Glück ist nun dahin!" Er selber fand ans Licht zurück, doch das Leben war ihm bei den Toten fremd geworden. Als betrunkene Frauen ihn zum Fest des neuen Weines führen wollten, weigerte er sich, und sie zerrissen ihn bei lebendigem Leibe. So groß war sein Unglück, so vergeblich seine Kunst. Aber: alle Welt kennt ihn! Der andere Orpheus war der Kleine. Er war nur ein Bänkelsänger, trat bei kleinen Festen auf, spielte für die kleinen Leute, machte eine kleine Freude und hatte selber Spaß dabei. Da er von seiner Kunst nicht leben konnte, lernte er noch einen anderen, gewöhnlichen Beruf, heiratete eine gewöhnliche Frau, hatte gewöhnliche Kinder, sündigte gelegentlich, war ganz gewöhnlich glücklich und starb alt und lebenssatt. Aber: niemand kennt ihn - außer mir. |
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