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    Das Virtuelle Institut | Grundlagen und Voraussetzungen | Phänomenologische Erkenntnis
 

"Zustimmung zur Welt, wie sie erscheint“

Bert Hellinger, Psychoanalytiker, Psychotherapie, Systemtherapie, über die phänemonologische Vorgehensweise.
16. April 1999, Pressekonferenz auf der Arbeitstagung "Ein Wind läßt viele Drachen steigen" in Wiesloch.


Wahrnehmung und Intuition

Die phänomenologische Vorgehensweise kann man nicht mit dem Begriff der Intuition oder der Erfahrung einfangen. Sie ist für mich sehr viel mehr. Die Intuition ist ein blitzartiges Erfassen, ob und wo es weitergeht. Sie ist auf Zukunft gerichtet. Sie entsteht im Augenblick, ohne mein Zutun.

Den phänomenologischen Erkenntnisvorgang nenne ich Wahrnehmung. Das ist etwas völlig anderes. Wahrnehmung heißt, daß ich mich einem Zusammenhang aussetze, zum Beispiel schaue, was passiert, wenn Leute sich auf ihr Gewissen berufen oder sagen, daß sie gewissenhaft handeln. Das ist ein sehr vielschichtiges Phänomen, das ich lange nicht durchschaut habe. Daher habe ich das jahrelang einfach auf mich wirken lassen, mit gesammelter Aufmerksamkeit, bis ich plötzlich wahrgenommen habe, was Gewissen wesentlich heißt. Dann habe ich aus einer Fülle von Phänomenen plötzlich das Wesentliche erfaßt. Das nenne ich eine phänomenologische Vorgangsweise. Sie hat also nichts zu tun mit vorgefaßten Konzepten, auch nichts zu tun mit der Absicht etwas durchzusetzen, z. B. eine Idee oder Traditionen hochzuhalten. Es ist ein schlichter, gesammelter Vorgang, ohne Absicht und ohne Furcht.

Die Wahrnehmung setzt voraus die Zustimmung zur Welt, wie sie erscheint, also ohne die Absicht, sie zu verändern. Das ist im Grunde eine religiöse Haltung, weil sie sich einfügt in ein größeres Ganzes, ohne sich herauszunehmen, es besser zu wissen, oder einen besseren Ausgang erreichen zu können, als ihn die tiefen Kräfte von sich aus ansteuern.

Ordnung und Wirkung

Sobald man bei Erkenntnisvorgängen auf ein Absolutes zusteuert, liegt man schief. Erkenntnis ist ein Lebensvorgang und dient dem Leben. Die Wirkung für das Leben ergibt sich aus dem Finden einer Ordnung. Wenn ich die richtige Ordnung finde – ich sage es mal in diesem krassen Sinn – dann bewirkt es etwas Heilendes oder Lösendes in einem System.

Ordnung ist etwas Vorgegebenes. Ein Baum z.B. entfaltet sich nach einer Ordnung. Sie ist ihm vorgegeben. Er kann aus dieser Ordnung nicht herausfallen, sonst ist er kein Baum mehr. So entwickelt sich auch der Mensch nach einer Ordnung. Und menschliche Systeme entwickeln sich nach einer Ordnung. Diese Ordnungen sind uns vorgegeben. Die vorgegebene Ordnung ist etwas Verborgenes. Ich kann sie nicht ohne weiteres finden, geschweige denn erfinden.

Ordnung erweist sich in dem, was sowohl eint, als auch Entwicklung ermöglicht, beides. In einer Familie, in der sich jeder schlecht fühlt, wenn wir sie aufstellen, nehme ich an, daß sie in Unordnung ist. Dann suche ich die heilende, die lösende Ordnung. Wenn ich diese Ordnung gefunden haben, sehe ich, daß es eine Ordnung ist, die alle verbindet und jedem Entwicklung ermöglicht.


Noch etwas ist dabei zu beachten, nämlich daß die Ordnung sich nicht deutlich zeigt, sondern von Augenblick zu Augenblick anders erscheint. In ihr ist etwas Vielfältiges, eine Fülle. Sie kommt nur punktuell ans Licht. Deswegen ist die eine Familienaufstellung anders als die andere, obwohl sie sich vielleicht von der Grundsituation her ähnlich sind. Was ich nun in diesem Augenblick wahrnehme, das sage ich auch. Manche meinen dann, das sei eine allgemeine Aussage oder eine allgemeine Wahrheit. Das ist es eben nicht. Es ist eine Wahrnehmung von etwas, das im Augenblick so ans Licht kommt. Sie gilt für diesen Augenblick und ist in diesem Augenblick auch völlig einsichtig. Wenn ich das jetzt loslöse von der augenblicklichen Wahrnehmung und daraus eine Lehre mache, dann erscheint es dogmatisch.

Ganzheitliche Wahrnehmung

Die Sinnesorgane müssen bei dieser Arbeit offen sein. Aber darüber hinaus gibt es so etwas wie eine ganzheitliche Wahrnehmung. Sie wird möglich, indem ich allem einen Platz gebe, also nichts ausklammere. In der Familienaufstellung gebe ich jedem einen Platz in meinem Herzen, auch denen, die als böse dastehen oder als der Täter, oder vor denen andere Angst haben oder Ekel. Ich gebe auch ihnen einen Platz. Dann bin ich mit einer Ganzheit in Verbindung, ich erlebe es als eine Ganzheit.

Auch sehe ich einen Menschen immer als Teil eines größeren Ganzen. Wenn ich mit ihm therapeutisch arbeite, rede ich eigentlich nicht zu ihm als Person oder zu seinem Ich, sondern ich rede zu seiner Seele, dort wo er mit etwas Größerem verbunden ist. Das bewirkt dann viel mehr, als wenn ich mich auf das Vordergründige begrenze.


 
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