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Das Familien-Stellen in Bewegung

Vortrag von Bert Hellinger

Wenn ich die Entwicklungen des Familien-Stellens betrachte, meine eigene Entwicklung und die neuen Einsichten, die manche von euch mir berichten, dann ist klar, dass das Familien-Stellen eine Bewegung ist. Das heißt, dass im Familien-Stellen etwas in Bewegung ist und bleibt. Das Familien-Stellen ist in Bewegung, weil wir uns nicht festlegen auf bestimmte Konzepte und auf das bisher Erreichte, als hätten wir den Stein der Weisen gefunden, den es festzuhalten gilt. Deswegen ist die Theoriebildung immer neu im Gang, denn es zeigt sich, dass vieles, was vor einigen Jahren noch wichtig erschien, durch anderes überholt wurde. Wie ist das möglich?

Es ist möglich durch die Offenheit gegenüber dem, was sich zeigt und wie es sich zeigt. Die Kontroversen der letzten Zeit haben vielleicht einige von uns eingeschüchtert, dass sie nicht mehr genau dem vertrauen, was sich in den Aufstellungen zeigt. Wenn plötzlich versucht wird, uns von außen her Kriterien aufzuzwingen, die mit dem Familien-Stellen selbst nichts zu tun haben, dann ist der Druck zu einer Anpassung spürbar, die - so fürchte ich - das Familien-Stellen in seiner Bewegung nach vorne hin bremsen würde. Ich möchte daher auf das Wesentliche beim Familien-Stellen noch einmal zurückkommen.

Die Wirklichkeit wirkt

Die Grundlage des Familien-Stellens ist, dass der Familienaufsteller weiß, dass er im Dienst einer Wirklichkeit steht, die ans Licht drängt. Er ist also kein Macher, der von sich aus etwas initiiert und erreichen will. Er weiß, dass er nur in der Zurückhaltung, in der wachsamen Zurückhaltung es ermöglicht, dass Verborgenes ans Licht kommt. Das, was ans Licht gekommen ist, ist das, was wirkt. Wenn der Therapeut sich so verhält oder der Aufsteller - Therapeut ist hier kein guten Begriff mehr, weil das Familien-Stellen eine allgemein menschliche Bewegung, eine philosophische Bewegung ist, die weit über die Psychotherapie hinausgegangen ist - wenn also der Aufsteller den Mut hat, das, was sich zeigt, erst einmal selber anzuschauen und zweitens auszusprechen und drittens zuzumuten, kann nichts Schlimmes passieren, denn Wirklichkeit kann nicht schaden.

Die Angst, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen, die kann schaden, denn in dem Augenblick wird etwas ins Unbewusste verdrängt und wirkt dann unheilvoll. Deswegen kann ein Familienaufsteller im Grunde niemandem schaden, solange er bei dieser Vorgangsweise bleibt. Das heißt, zurückhaltend wartet er, bis etwas ans Licht kommt, und so, wie es am Licht ist, darf es auch stehen bleiben, ohne Verniedlichung, ohne Einschränkung, in seiner ganzen Wucht. In dem Augenblick verhält sich der Familienaufsteller als einer, der im Dienst einer größeren Sache steht. Und er mutet dem Teilnehmer zu, das er erwachsen ist, das heißt, dass er seiner eigenen Wirklichkeit ins Auge schaut.

Die zugemutete Wirklichkeit

Sehr viel Kritik, die am Familien-Stellen geäußert wird, kommt von den Vorstellungen einer Psychotherapie, in der der Psychotherapeut sich verhält, als sei er besser, als sei er stärker, als hätte er mehr Können, mehr Lebenserfahrung, ein besseres Schicksal als der, der zu ihm kommt. In dem Augenblick macht er den anderen klein. Daraus kommen dann die Vorstellungen und Forderungen: Man muss sich doch um die kümmern, man muss doch für die Verantwortung übernehmen. Plötzlich sind wir in einer Situation, in der die Familienaufsteller als Eltern auftreten müssen und die Teilnehmer zu Kindern und zu Bedürftigen gemacht werden. Ein großer Teil der Psychotherapie basiert ja auf diesem Gefälle. Dann gibt es die Vorstellung, dass der Therapeut der bessere Vater ist oder die bessere Mutter. Dann ersetzt er die Eltern, und der Klient wird von ihm abhängig. Wenn dann der Therapeut etwas Bestimmtes tut, was dem Klienten nicht gefällt, verhält der sich dem Therapeuten gegenüber wie ein Kind, das an eine Eltern Ansprüche stellt.

Ich habe die radikale Vorstellung, dass niemand einem Klienten schaden kann, solange er in der Einstellung und in der Haltung bleibt: Ich bringe etwas ans Licht, was der Klient ja selber aufstellt, und lasse es dann von sich aus wirken. In dem Augenblick stellt sich der andere seiner Wirklichkeit. Der Therapeut oder der Aufsteller selbst braucht sich dem nicht zu stellen, als sei das etwas von ihm; er hat das dem Klienten nur übergeben. Das zwingt dann den Klienten, dass er sich erwachsen verhält. Also, die ganzen Vorstellungen von Durcharbeiten und Nachsorge haben mit dem Familien-Stellen selbst nichts zu tun. Das sind fremde Elemente aus anderen Therapien, die hier hereingetragen werden. Dem zu widerstehen, das verlangt großen Mut, große Zurückhaltung und äußerste Demut.

Die Zurückhaltung

In dem Sinn wird in der ganzen Therapieszene etwas umgestürzt. Ein grundlegendes Modell, als sei der Therapeut überlegen oder als sei er als Arzt da und der andere sei krank, dem man helfen muss, wird hier umgestürzt. Dass das in der Therapieszene Angst macht, ist verständlich. Es wird aber von uns nicht ausgesprochen. Wir greifen andere nicht an. Wir zeigen nur etwas. Was bedroht, ist nicht etwas, was die Familienaufsteller machen. Sondern das, was sie ans Licht bringen als Wirklichkeit, das ist das Bedrohliche.

Also, in der Aufstellungsarbeit, in meiner Aufstellungsarbeit, hat diese Haltung des Sich-Aussetzens ohne Absicht, ohne Vorstellungen, ohne Furcht, ohne Liebe im Sinne von "Ach, ich muss etwas für dich tun", wirklich diese äußerste Zurückhaltung dazu geführt, dass ich selbst immer weniger tun muss, um das Ergebnis, das der Klient braucht, zu erreichen. Das fängt damit an, dass ich, zum Beispiel, ganz wenig frage. Radikal ist das so, dass ich sage: "Drei Sätze sind erlaubt." Und ich fange nicht sofort an. Sobald ein Klient kommt, will er oft seine Litanei herunterbeten, die er schon x-mal allen möglichen Leuten vorgebetet hat. Ich sage: "Warte." Auf einmal stoppt der innere Dialog, er kommt damit nicht weiter. Dann sage ich: "Formuliere es in drei Sätzen, sage nur, was passiert ist, nur die Ereignisse in der Familie, nicht mehr." Dann fängt einer vielleicht an und sagt: "Ich möchte mich gerne weiterentwickeln." Dann sage ich: "Das war der erste Satz. Jetzt hast du noch zwei." Vielleicht kommt dann im dritten Satz wirklich etwas, das wichtig ist. Und das genügt.

Die Entwicklung

Wie unterscheidet nun der Familienaufsteller, was wichtig ist. Wie mache ich das? Ich achte auf die Energie, die an einem Wort oder an einer Person haftet. Der Klient erzählt da drei, vier Sachen und ich merke: Großvater, das war's, da war plötzlich Energie da. Dann weiß ich auch, wie ich anfange. Ich fange mit dem Großvater an, mit nichts anderem. Ich brauche also nicht die ganze Familiengeschichte zu wissen. Nein, ich fange mit dem Großvater an und stelle ihn alleine auf.

Wir hatten ja früher sehr oft die Vorstellung, dass die Wirkungen des Familien-Stellens sich daraus ergeben, dass eine Struktur aufgestellt wird, und diese Struktur das Energiefeld anzieht, das dann zum Ausdruck drängt. Aber was ist, wenn nur eine Person dasteht? Die Wirkung hängt dann nicht mehr von der Art der Aufstellung ab, es ist etwas anderes , das wirkt. Es wirkt etwas in der Person. Der, der aufgestellt wird, ist mit etwas in Verbindung, mit etwas Größerem, das auf einmal durch ihn wirkt - wenn er gesammelt bleibt. Und wie kann er gesammelt bleiben? Wenn er nicht gefragt wird, wenn er nicht unterbrochen wird wenn der Familienaufsteller selbst ganz gesammelt bleibt und den Raum um den Großvater, um bei diesem Beispiel zu bleiben, mit trägt. Dabei ist seine Aufmerksamkeit nicht konzentriert, sie ist weit und vage.

Auf einmal passiert dann bei dem Stellvertreter des Großvaters etwas. Er schaut zum Beispiel auf den Boden, einfach auf den Boden. Jetzt weiß man aus der Erfahrung: Er schaut auf einen Toten. Gut, dann lege ich jemanden vor ihn hin, genau dort wo er hinschaut. Auf einmal kommt Bewegung in das Ganze, und aus der anfänglichen Aufstellung von nur einer Person entwickelt sich Schritt für Schritt ein Familienbild, ein wesentliches, das man durch keine Anamnese hätte erfahren können. Denn es war ja dem Klienten nicht bewusst. Über die Aufstellung kommt das Verborgene auf einmal ans Licht, und das hat Wucht. Das ist ein Beispiel dafür, wie man über die Zurückhaltung in kurzer Zeit viel mehr erreicht, als über die Art des Familien-Stellens, wie ich und viele andere sie am Anfang ausgeübt haben. Das wäre also jetzt eine Entwicklung.

Die Versöhnung

Dieser Entwicklung steht etwas entgegen. Die grundlegenden Einsichten, die das Familien-Stellen ermöglicht haben, waren, dass wir von einem Gewissen gesteuert werden, das uns fesselt. Dass wir von einem Gewissen gesteuert werden, das uns gewisse Wahrnehmungen verweigert oder verbietet. Denn, wenn wir sie zulassen würden, kämen wir in Gefahr, unsere Zugehörigkeit zu unserer Familie zu verlieren. Vieles in der Kritik am Familien-Stellen verlangt von uns, dass wir zurückfallen in die Fesseln unseres Gewissens.

Es richtet sich gegen die Bewegung, die uns erlaubt, über die Grenzen des Gewissens hinaus etwas größeres Ganzes in den Blick zu bekommen. Es will uns daran hindern, die Widersprüche oder das, was sich entgegensteht, wie zum Beispiel Täter und Opfer oder diese Gruppe und diese Gruppe oder diese Religion und diese Religion auf einer höheren Ebene als gleichberechtigt anzuerkennen. Das kann aber nur, wer jeder über die Grenzen seines eigenen Gewissens hinaus gewachsen ist. Das ist eine besondere persönliche Leistung. Nur wer das erreicht hat, kann am Ende versöhnend wirken.

Dass das Sich Entgegenstehende auf einer höheren Ebene als gleichberechtigt anerkannt werden muss, ist, was im Familien-Stellen immer mehr deutlich wird. Das Wissen darum, dass das, was sich entgegensteht, miteinander versöhnt werden muss, fängt an mit Freud. Er hat gesehen, dass das, was verdrängt ist, angenommen werden als gleichwertig muss. Das heißt, aber auch dass in dem Augenblick jemand über sein bisheriges Gewissen hinauswächst. Wenn er das macht, wenn er seinen Schatten als ebenso wichtig anerkennt wie sein Licht, sodass beides, Licht und Schatten, gleichermaßen anerkannt werden, ist der Mensch in dem Augenblick persönlich bereichert. Er hat andere Kraft.

Nun sehen wir in der Familie das Gleiche. Auch die Familie hat einige, von denen sie sagt, sie seien gut, und einige, von denen sie sagt, sie seien schlecht, einige die seien erfolgreich und andere seien Versager, einige seien tugendhaft und andere Verbrecher. Die sogenannten Schlechten oder Versager oder Verbrecher werden ausgeklammert. Sobald sie ausgeklammert sind, hat der, der sie ausgeklammert hat, oder die Gruppe, die sie ausgeklammert hat, etwas Wesentliches verloren. Sie werden eng. Beim Familien-Stellen, sehen wir, dass die hereingenommen werden müssen. Wenn sie hereingenommen werden, fühlt sich der Einzelne auf einmal vollkommener. Er ist weiter, er hat größere Kraft, er ist milder, er ist eher fähig zur Versöhnung.

Der gleiche Vorgang erfasst jetzt noch über den Einzelnen und die Familie hinaus auch die größeren Gruppen. Wir erleben zur Zeit, dass das Verborgene aus der Nazizeit, das wir nicht wahrhaben wollten, in Deutschland vor allem, diese Mitverantwortung im großen Stil, auf einmal anerkannt wird und ans Licht kommt. Es wird anerkannt, dass man dem ins Auge schauen muss, und wir erleben, dass auch die Täter von damals, die wir ausklammern wollen oder das Schlimme von damals, das wir nicht wahrhaben wollen, jetzt in den Blick kommt und in die eigene Seele hineingenommen wird. Das ist für uns ein weiterer, ein nächster Schritt in der Bewegung des Familien-Stellens.

Ich möchte hier ein Beispiel bringen. Wir haben seit langem schon gesehen, dass in jüdischen Familien oft ein Kind einen Täter vertritt. In der Energie, die dieses Kind zeigt, vertritt es einen Nazitäter. Also auch diese Gruppen, die so viel gelitten haben, können nicht sagen: Die einen haben ein Recht, Mensch zu sein und anerkannt zu werden, und die anderen, die Täter, haben dieses Recht verloren. Sobald sie das sagen, bleiben sie eng und, was schlimmer ist, die Täterenergie wird in der Seele eines Kindes plötzlich aktiv.
Wenn wir jetzt auf den Nahen Osten schauen, sehen wir das bestätigt im großen Stil.

Ein Palästinenser sagte vor kurzem: Wir, in der Westbank, fühlen uns wie damals die Juden im Warschauer Getto. Und ein israelischer Schriftsteller sagte. Wir haben jetzt unser Auschwitz. Wo die Lösung in der Familie liegt, haben wir aus dem Familien-Stellen erfahren. Vielleicht können diese Erfahrungen dazu beitragen, dass die hier gefundenen Einsichten auch dort im großen Stil langsam ins Bewusstsein treten und Lösungen vorbereiten.

Und was steht dann am Ende? Dass alle Menschen anerkannt werden als gleichwertig. Dass wir anerkennen, dass es nicht nur einen Gott der sogenannten Guten gibt, sondern dass der gleiche Gott auch alle anderen, auch die sogenannten Bösen und die Täter für seine Zwecke in den Dienst nimmt. In dem Augenblick werden alle Menschen vor etwas Größerem Brüder.

Die Liebe

Ich habe das für mich zusammengefasst, als ich im November in Israel mit einer kleinen Gruppe an den See Genesareth gefahren bin und wir an dem Ort waren, wo Jesus nach der Überlieferung seinen Jüngern erschien, und in dessen Nähe auch der Berg der acht Seligkeiten liegt. Ich habe darüber nachgedacht, was es eigentlich heißt, was Jesus damals gesagt hat: Liebet eure Feinde. Tut Gutes denen, die euch hassen. Denn auch mein himmlischer Vater lässt die Sonne scheinen über Gute und Böse, und regnen über Gerechte und Ungerechte. Hier ist die äußerste Gleichheit aller Menschen ausgesprochen, und zwar als Handlungsanweisung. Im Familien-Stellen kommen wir dem, was da impliziert ist, praktisch nahe.

Ich habe mir auf der Rückfahrt überlegt: Wenn ich das übersetzen würde in die Sprache unserer Zeit und in die Sprache des Familien-Stellens, was würde das heißen? Was würde hier Liebe bedeuten? Was würde im Familien-Stellen Liebe wirklich bedeuten? Liebe heißt hier: Ich anerkenne, dass alle anderen mir vor etwas Größerem gleichen. Demut heißt das Gleiche. Vergeben und Vergessen auch.

Die Gleichheit

Ich wende das jetzt an auf die Diskussion über Qualitätssicherung. Wenn ich es auch hier anwende, dann sage ich, dass alle, die das Familien-Stellen anbieten, "gute" und "schlechte", mir vor etwas Größerem gleichen. Wir brauchen nur nachzuspüren in unserer Seele, was das bewirkt an Kraft. Wieviel Kraft haben wir dann, es gut zu lenken auf eine gewisse demütige Weise, und wieviel Kraft haben wir, wenn wir davon abweichen und sagen: Ja, die einen sind besser, die anderen schlechter. Hier würde - und das ist die äußerste Konsequenz, die sich aus dem Familien-Stellen selbst ergibt - auch der Satz gelten: Ich anerkenne, dass alle anderen mir vor etwas Größerem gleichen.

Wenn ich das konkret in der Arbeit anwende, dann heißt das, zum Beispiel: Wenn jemand zu mir kommt und über seine Eltern redet und vielleicht sagt, wie schlimm sie waren, dann verneige ich mich innerlich vor ihnen und sage: Ich anerkenne, dass auch ihr mir vor etwas Größerem gleicht. In dem Augenblick kann mich der Klient nicht mehr einfangen für etwas gegen seine Eltern. In dem Augenblick ist jede Elternübertragung unmöglich.

All das, worauf die traditionelle Psychotherapie aufbaut, dass es die Eltern-Kind-Übertragung gibt oder die Kinder-Eltern- Übertragung, und dass man mit der arbeitet, ist plötzlich weg. In dem Augenblick kann der Klient auf mich keine Elternübertragung mehr haben, weil ich ja mit seinen Eltern im Tiefsten mit Liebe verbunden bin. Das setzt natürlich voraus, dass ich mit meinen Eltern auf gleiche Weise in Liebe verbunden bin. Dass ich anerkenne, vor etwas Größerem sind sie allen anderen Eltern gleich.

Von hier aus ergeben sich die Wege der Weiterentwicklung des Familien-Stellens.


 
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