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Interview von Harald Hohnen mit Bert Hellinger Die wichtigsten angesprochenen Themen
HOHNEN Bert, für das Bert Hellinger-Institut in den USA war insbesondere die letzte Veranstaltung, die in Zusammenarbeit mit der Capitol-University of Integrative Medicine Washington D.C. durchgeführt wurde, so etwas wie ein Durchbruch oder wie die Ernte von zwei Jahren Arbeit. Du bist auf sehr viel guten Willen gestoßen, auf sehr viel positive Resonanz, und es zeigt, dass sich auch hier an der Ostküste der USA jetzt eine Bewegung entwickelt hat, die das Familien-Stellen aufgreift und weiterbringt. Was ist dein Bild dazu? HELLINGER Erstens war ich sehr beeindruckt von dem Können dieser Leute. Die Fragen, die sie gestellt haben, und wie sie als Stellvertreter mitgearbeitet haben, die ganze Atmosphäre von Aufbruch, Bereitschaft und Zukunftsvisionen - das war für mich sehr beeindruckend. Hier war starke Energie spürbar, und es ist für mich ganz klar, dass hier sehr viel in Gang gekommen ist. HOHNEN Verglichen mit dem letzten Workshop mit Krebskranken, gibt es da für dich nochmal Weiterentwicklungen, Besonderheiten in dem, was du erlebt hast? HELLINGER In gewisser Weise schon. Diese Arbeit von der Stille her, dass ich mich wie ein Medium zwischen einer größeren Kraft und der Seele des Klienten fühle, ganz zurückgezogen, nur wie ein Durchlässiger, das hat sich bei mir hier noch einmal verstärkt. Ich habe gemerkt, dass ich mich darauf verlassen kann, was sich dabei zeigt. HOHNEN Ich habe insbesondere deinen im Grunde noch größeren Respekt gespürt, wenn es sich etwas gezeigt hat. Dass du das nur kurz anschaust und dich dann zurückziehst. HELLINGER Was hier besonders deutlich wurde, war das Unauffällige. Also, ich verhalte mich völlig unauffällig in dem Sinne, dass ich nur so daneben sitze. Dennoch bin ich direkt mit dem Einzelnen verbunden und achte auch genau auf das, was in ihm vorgeht. Aber dadurch, dass ich so viel Raum und Zeit gebe, entwickelt sich in dem Einzelnen genau das, was für ihn wichtig ist. HOHNEN Kannst du vielleicht noch mal versuchen, deutlicher zu machen, wo der Unterschied liegt, wenn du spürst, du kannst mit dem Klienten arbeiten, oder wenn du spürst, dass du mit dem Klienten nicht in der gleichen Schwingung bist? Denn bei diesem Workshop war ja klar, du hast relativ schnell bei einigen gesehen, dass dort entweder keine Bereitschaft oder keine Offenheit da war. Du hast dann häufig relativ klar und manchmal fast provokativ unterbrochen. Ich will nicht mehr sagen "abgebrochen", weil du bist ja immer wieder neu bereit bist, die Arbeit aufzunehmen. HELLINGER "Unterbrochen" ist hier das bessere Wort. Ich kann mein Vorgehen aber nicht genau beschreiben. Das erste, was ich gemacht habe, war: Ich habe keine Reden über sein Problem zugelassen. Dann hat sich der Einzelne gesammelt. Wenn danach das Gerede weiterging, habe ich gewusst, dass er nicht in Kontakt ist. Das war ein Kriterium. Bei anderen wusste ich es nicht so genau, es hat sich erst später herausgestellt, ob sie in Kontakt waren oder nicht. In früheren Kursen war es manchmal so, dass sich bei den Klienten starke Bewegungen gezeigt haben, und man konnte mit diesen Bewegungen gehen. Hier war es oft so, dass sich kaum eine Bewegung gezeigt hat - und doch war das Ergebnis sehr tiefgreifend. Auch war die Aufmerksamkeit in der Gruppe durchaus sehr gesammelt, auch wenn sich scheinbar nichts getan hat. HOHNEN Was ich erlebt habe, wenn du sagst, es hat sich scheinbar nichts getan, ist, dass die Klienten durch diese Intervention aus der "Unruhe" herausgeführt werden, oder ihnen der Raum ermöglicht wird für eine Zentrierung, für eine Focussierung, für eine Ruhe. HELLINGER Ja, gleichzeitig aber auch für die ganze Gruppe. Sie sind da mit hineingezogen worden. Es was besonders wichtig, dass die ganze Gruppe davon mitgetragen wurde und die Teilnehmer für sich selbst sehr viel erledigen konnten, ohne dass sie später darüber reden mussten. HOHNEN Wenn das von außen beobachtet wird, ergibt sich die Frage, weshalb du manchmal eine Familienaufstellung im Anschluss machs, und weshalb du es manchmal bei einer bestimmten Information belässt. HELLINGER Darüber kann ich nichts allgemeines sagen. Manchmal war es klar, dass man mit einer Familienaufstellung anfängt, aber nicht im klassischen Sinn. Gewöhnlich habe ich nur eine Person aufgestellt, dann vielleicht noch eine zweite und, wenn sich das weiter entwickelt hat, vielleicht noch eine dritte und eine vierte. Das hat genügt. Über vier Stellvertreter ist es praktisch nicht hinausgegangen. In dieser äußersten Sparsamkeit kam das Wesentliche zum Vorschein. Eindrucksvoll war in diesem Zusammenhang die Arbeit mit einem, der viele Jahre drogensüchtig und Alkoholiker war und den seine Familie noch immer unterstützt. Es kam ans Licht, dass er stellvertretend für seine Mutter aggressiv gegen seinen Vater war und dass er dafür sühnt. Als ich ihn aber vor seinen Vater hinknien ließ, hat er statt auf ihn zur Seite auf den Boden geschaut. Ich habe dann jemanden dorthin hingelegt und habe den Kienten gefragt, ob er auch mit Drogen gehandelt hat. Er sagte: Ja. Es war auf einmal klar, dass der andere ein Opfer seines Drogenhandels war. Das ist ein Beispiel dafür, wie die wesentlichen Informationen aus der Aufstellung durch ganz kleine Bewegungen ans Licht komnen können. Ich brauchte nur darauf zu achten und konnte dann das Wesentliche tun. Nach dieser Information habe ich die Aufstellung bei ihm abgebrochen. Später kam er zu mir und hat sich bedankt. Für ihn war das Wesentliche passiert, einfach dadurch, dass es ans Licht gekommen war. HOHNEN Wenn du an einer solchen Stelle unterbrichst oder abbrichst, viel eher als früher, wo du ja noch mehr reingegangen wärst, heißt das, dass du dich an dieser Stelle aus Respekt vor dem Klienten zurückziehst, um ihm Raum zu geben für seine eigenen Lösungsschritte, und dass du ihm diese nicht vorgibst? HELLINGER Der Vorgang läuft anders ab. Ich sammle mich und stelle mich einer größeren Kraft zur Verfügung, einer heilenden Kraft, wie immer man sie nennen will. Ich sehe den Klienten auch von dieser Kraft bewegt und stelle mich sozusagen dazwischen. Wenn ich unterbreche, ist es im Sinne von: Ich übergebe ihn ganz dieser Kraft und seiner Seele, einer großen Seele. Deswegen wird das auch nicht so scharf erlebt, es wird wie eine Weiterführung erlebt. Für mich ist es auch eine Weiterführung, weil ich über diese Haltung immer noch mit dem Klienten in Kontakt bleibe. HOHNEN Ist es das Übergeben an den Klienten oder das Übergeben an die größere Seele des Systems des Klienten oder das Übergeben an die größere Seele dahinter? HELLINGER An die größere Seele dahinter. Das hier geht über das System Familie hinaus. HOHNEN Ich möchte an einer konkreten Stelle nochmal nachfragen. Da war ein junger Mann, bei dem du spürtest, dass er keinen Respekt vor dir hat. Du hast ihn da auch unterbrochen, relativ scharf. Es ging danach aber gleich weiter. Er sammelte sich und plötzlich, ungefähr nach fünf, sechs Minuten hast du etwas gespürt oder gesehen. Du hast einen Mann vor ihn hingelegt und ihn dann nach weiteren Minuten die Augen öffnen lassen. Er sagte: "Dort liegt mein Vater, der starb als ich neun Jahre alt war. An dieser Stelle hast du noch mal abgebrochen. HELLINGER Die Veranstalterin hatte mir etwas ins Ohr geflüstert, eine zusätzliche Information, die ich nicht verstanden habe. Ich musste abbrechen, weil ich dachte, dass ich noch eine Information haben müsste. Es hat sich aber herausgestellt, dass ich die Information nicht brauchte. Die Information war, dass sein Vater mit 46 Jahren starb, und dass weitere Männer in der Familie des Vaters mit 46 Jahren gestorben sind, und dass er Angst hatte, auch mit 46 Jahren zu sterben. Aber dadurch, dass er hier mit seinem Vater auf eine warme Weise in Berührung kam, war das Wesentliche für ihn geschehen. HOHNEN Also es ist im Grunde, um das für die Zuschauer oder Leser verständlicher zu machen, nicht die Information, die das dann vollendet, sondern es ist der Kontakt zwischen den Seelen. Sobald der hergestellt ist, ziehst du dich zurück, weil du siehst, es läuft dort von alleine etwas Heilendes ab. HELLINGER Genauso ist es. Diese Information hat ja im Grunde gestört. HOHNEN Ich möchte noch mal auf den Punkt zurückkommen, den ich eben angesprochen habe. Es ist deutlich geworden, dass du mehr noch als früher auf deine Würde achtest, deine Würde als Therapeut. Du hast das ein paar mal sehr deutlich gemacht. Kannst du dazu noch etwas sagen? HELLINGER Würde heißt: achten auf die Ordnung. Denn wenn der Klient zu mir kommt und etwas von mir will, dann ist die Ordnung, dass er in dieser Hinsicht unter mir steht, weil er von mir etwas will. Ich muss zumindest ebenbürtig neben ihm sein können. Denn wenn ich mich mit der Seele verbünde, mit meiner Seele und seiner Seele, geht das nur wenn diese Ordnung eingehalten wird. Der Fluss fließt durch mich zu ihm. Daher kann er nur dann das achten, was ich ihm vermittle, wenn er auch mich achtet. Meine Zurückweisung bei diesem jungen Mann war natürlich der notwendige Schritt, um uns zusammen zu bringen. Er kam aus einer Clique, wo man sich anderen gegenüber überlegen verhält. Aber nach der Konfrontation hat er sich sofort mit Achtung auf mich eingestellt. HOHNEN Wenn ich dich richtig verstehe, ist mit Bezug auf diese Achtung und diese Ordnung zwischen Klienten und Therapeuten noch mehr Reinheit und Klarheit angesagt. Stimmt das? HELLINGER Vor allen ist es so, dass der Therapeut im Dienst von etwas steht. Wenn der andere den Therapeuten behandelt, als könne er ihn bezahlen und ihn für sich in Dienst nehmen, ist das ist eine Missachtung von dem, in dessen Diensten der Therapeut steht. Der Therapeut steht nicht im Dienst des Klienten. Er steht in einem anderen Dienst. Deswegen ist es wichtig, dass er auf dieser Achtung besteht und sie auch durchsetzt, wo es notwendig ist. HOHNEN Also gerade im Kontext von Seelenarbeit. HELLINGER Genau. HOHNEN Beeindruckend fand ich auch, dass viele Klienten nach vorne kommen und dann nicht mehr wissen, worum es ihnen ging. Sie fangen dann an, auf einer hohen Abstraktionsebene an zu reden und sagen zum Beispiel: "Ich möchte mein Leben verbessern." Was ist da dein Bild dazu? Was passiert da? HELLINGER Sie merken, dass es Ernst wird und dann greifen sie auf ihre gewöhnlichen Definitionen zurück. Ein ganz einfaches Beispiel ist, dass jemand, der Krebs hat, so etwas sagt, ohne den Krebs überhaupt zu erwähnen. Hier ist der Abbruch, indem man keine Kommunikation zulässt, das Mittel, um ihn zum Wesentlichen zu führen. HOHNEN An Rückmeldungen und an dem, was ich selber gesehen habe, habe ich gemerkt, dass du sehr häufig provozierst. Wir hatten schon mal darüber geredet und du hast gesagt, dass das manchmal eine Art Versuchsballon für dich ist. Aber ich höre jetzt, dass es auch der Sammlung dient und der Zentrierung der Klienten, damit sie sich wirklich auf die Situation und auf die Reinheit dieser Situation einstellen. Ich sehe dann häufig, dass du sehr genau beobachtest, wie sie auf die Provokation reagieren. Wenn sie darauf beleidigt reagieren, haben sie fast keine Chancen mehr bei dir. Wenn sie aber deine Intention dahinter sehen und ihr zustimmen können, öffnet sich ein Feld für die Zusammenarbeit. HELLINGER Diese Provokationen haben oft gar nichts mit dem Klienten zu tun. Sie dienen auch dazu, die Spannung in der Gruppe abzubauen und sind oft mehr eine Art Witz. Da wird dann gelacht und danach kann es wieder ernst weitergehen. HOHNEN Sie sind also eine Art Weichenstellung, die auf Neues hinführen? HELLINGER Genau. Einfach Atem holen, ein paar Witze machen - und dann wird es wieder Ernst. HOHNEN Wenn aber zum Beispiel eine Frau neben dir sitzt und du sagst ihr: "Du siehst armselig aus", weiß die ja nicht unbedingt, dass es für die Gruppe gedacht ist. HELLINGER Hier war das natürlich eine Beobachtung. Es war ja nicht provozierend in dem Sinn. Aber ich habe sie damit konfrontiert, dass sie keine Chancen hatte, dass jemandem, der so einen miserablen oder armseligen Eindruck machen will, eigentlich nicht geholfen werden kann. Das war hier das Entscheidende. HOHNEN Das war etwas sehr Erfrischendes, denn es wird hier nicht auf eine Verstrickung in der Herkunftsfamilie geschaut, sondern auf das, wie sich die Person im Augenblick zeigt. HELLINGER Da war mal einer der traurig aussah. Dann habe ich zu ihm gesagt: Du machst einen traurigen Eindruck. Das hat bei ihm das Ganze in Bewegung gebracht. Er sah, dass ich sehe, wie er ist, und dass ich es auch sage. Das schafft Vertrauen. Es war schön zu sehen, wie er hinterher gelacht hat. HOHNEN Ich glaube, die Leute sehen und spüren, dass sie Vertrauen zu dir haben können, dass auch, wenn etwas unterbrochen oder abgebrochen wird oder etwas in der Schieflage ist, letztendlich immer eine Möglichkeit da ist, wenn sie mutig genug sind, mit dir etwas weiterzuentwickeln. HELLINGER Am letzten Tag habe ich gemerkt, dass diese Art der Arbeit höchste Konzentration erfordert. Am Nachmittag bin ich müde geworden und habe genau gespürt: diese Art der Arbeit kann ich jetzt nicht mehr machen, weil ich einfach zu müde bin. Ich kann diese Art der Arbeit nicht länger als drei Stunden durchstehen, also jeweils drei Stunden am Tag. Hier war die Nachmittagssitzung auf vier Stunden angesetzt - und das war einfach zu viel. Ich habe gemerkt, wie meine Kräfte nachlassen. HOHNEN Das heißt, du setzt dich da auch mehr Kräften aus. Ist das so? HELLINGER Ja, schon. Deswegen ist für mich die Möglichkeit des Rückzugs so wichtig. Dadurch, dass an diesem Tag neben dem Kurs noch viele praktische Dinge für die Zukunft besprochen und geregelt werden mussten, hatte ich diese Ruhe nicht mehr. HOHNEN Von der Energie her habe ich über die letzten Jahre beobachtet: Familienaufstellen ist die eine Energieform. Der Umgang mit den Toten - wir hatten ja in den letzten Jahren Aufstellungen, wo du teilweise an einem Nachmittag mit 20, 40, 50 Toten zu tun hattest - das ist eine andere Energieebene. Und jetzt dieses Gesammeltsein und dieses Focussiertein auf die größere Seele erfordert noch eine ganz andere Aufmerksamkeit und Energie. HELLINGER Ja schon. Es ist natürlich auch so, dass mir aus der Sammlung auch etwas zu fließt, aber es fordert hohe Konzentration. HOHNEN Ich erlebe, dass du in dieser Arbeit im Grunde keine klassische Familienaufstellung mehr machst. Passt das irgendwo nicht zusammen, sind die Energien zu unterschiedlich? Würde das eine gegenüber dem anderen abflachen? Wie ist da dein Bild? HELLINGER Beim Krebskurs in Washington habe ich das mal kurz beschrieben. Früher habe ich sichtbare Familienaufstellungen gemacht, jetzt mache ich sozusagen unsichtbare, das heißt, es wird nicht öffentlich dargestellt, worum es geht, aber was in der Seele abläuft, läuft ja nach Ordnungen ab, wie sie im Familien-Stellen ans Licht kommen, überschreitet sie allerdings auch in vielfacher Weise. HOHNEN Sind sie in dir selbst auch unsichtbar? HELLINGER Wenn ich mit dem Klienten arbeite, sehe ich ihn immer in seiner Familie. Ich achte auf dieses Feld, darum stelle ich auch plötzlich jemanden aus seiner Familie vor ihn. Ich habe die Familie immer im Blick. HOHNEN Also sie sind in dir sichtbar? HELLINGER Nicht nach einem Modell, das ist ganz klar. Aber ich spüre auf einmal: jetzt kommt etwas aus der Familie herein, jetzt muss aus der Familie etwas ins Spiel gebracht werden. Selbst wenn ich die Familie nicht aufstelle, im Inneren treten sie bei mir in Erscheinung und beim Klienten natürlich auch. HOHNEN Also sie sind nach außen unsichtbar, aber innen zeigen sie sich in irgendeiner Form. HELLINGER Die Arbeit bleibt im Feld des Familien-Stellens, zumindest am Anfang, und überschreitet sie dann manchmal. HOHNEN Dieser Kurs war ein erfolgreicher Auftritt. Wir haben geerntet und gleichzeitig säen wir neu. Du hast dich verpflichtet, als Teil eines Trainingsprogramms hier mitzumachen. Ich freue mich, dass du das mit begleiten willst, zumal ich auch sehe, dass es vielleicht einer noch größeren Sammlung bei denen bedarf, die das "lernen" wollen. Wir haben ja ein Paradox. Einerseits kann es nicht gelernt werden, andererseits richtet sich auch diese gesammelte Arbeit nach bestimmten Ordnungen und bestimmten Gesetzen. Auf jeden Fall sollte man dafür offen sein. HELLINGER Vor allem ist es so, dass die, die das miterleben, ja den gleichen Prozess durchmachen wie die unmittelbar Betroffenen. Insofern üben sie das ein, ohne dass man theoretisch darauf einzugehen braucht. Ich möchte noch etwas zu dem Trainingsprogramm sagen. Ich habe mich nicht für ein Trainingsprogramm verpflichtet. Ich habe mich für eine bestimmte Art der Arbeit angeboten, die in das Trainingsprogramm passt. Von meiner Intention her, wollte ich in erster Linie in den USA etwas für Paare anbieten. Das passt natürlich in die Ausbildung, erreicht aber auch viele, die außerhalb des Trainingsprogramms bleiben. HOHNEN Ich habe dich auf dieser Fahrt des öfteren sagen hören, man kann diese Arbeit im Grunde genommen nur machen, wenn man über die Gesetzmäßigkeiten des Gewissens gut Bescheid weiß. Ich glaube, da bist du der beste Lehrer. HELLINGER Es ist für mich schwierig, ausführlich darüber in Englisch zu reden. Ich verlasse ich mich dann lieber darauf, dass das Grundlegende, was ich dazu gesagt und geschrieben habe, ins Englische übersetzt und so zur Verfügung gestellt wird. Das wäre hier der Weg. Für mich ist es viel einfacher das, worauf es ankommt, praktisch zu zeigen. Die Einsichten dahinter kann man nachlesen oder in kleinen Gruppen besprechen. Für mich ist die praktische Arbeit wichtiger und wahrscheinlich auch für die Teilnehmer. Also, ich ergänze das Trainingsprogramm auf diese Weise. HOHNEN Ich habe da eine andere Sichtweise. Ich glaube, dass bei vielen, die zuschauen, andere Bilder ablaufen. Zum Beispiel bei der einen Frau, die zu dir kam und nicht verstanden hat, was du mit dem kollektiven Gewissen gemeint hast. Trotzdem sitzen sie da und bei ihnen passiert etwas, aber sie können es nicht einordnen. Sie wissen nicht, was das mit dem persönlichen und kollektiven Gewissen zu tun hat. Von daher finde ich deine Anmerkung sehr wichtig: Man kann diese Arbeit im Grunde nur verstehen, wenn man über diese Gesetzmäßigkeiten wirklich Bescheid weiß. HELLINGER Es ist ganz klar, dass das wichtig ist. Nur, ich sehe auch, dass dieser Prozess bei mir noch nicht abgeschlossen ist, er entwickelt sich immer noch weiter. Die Frage für mich ist nun: Was ist jenseits des kollektiven Gewissens? Wie wirkt das herein? Folgt das auch gewissen Ordnungen? Das habe ich mehr in der Praxis im Gespür, aber theoretisch oder als Zusammenfassung ist es mir noch nicht präsent. Einiges ist in unseren Interviews schon von dir angesprochen worden, und ich konnte auch darauf antworten, aber es ist für mich noch lange nicht abgeschlossen. HOHNEN Ich erlebe, dass du auf dieser Fahrt einen Teil des bisherigen Werkzeugs mitgenommen hast und gleichzeitig offen bist für Neues. Du hast ja deine Werkzeugtasche nicht zu Hause stehen lassen. HELLINGER Ich habe beides integriert, so gut ich konnte. HOHNEN Bert, das war unsere Herbstfahrt. Jetzt kommt noch ein Zusatz in Israel, was noch mal eine Besonderheit sein wird, und dann der Kongress in Spanien. Aber das hier war die große Herbstfahrt. Die große Frühlings-Sommerfahrt führte uns hauptsächlich nach Südamerika, die jetzige eher in den fernöstlichen Raum. Zuerst ging es nach Schweden, dann nach Russland, Japan, China, Taiwan und zum Abschluss in die USA. Ich merke, deine Arbeit entwickelt sich weiter, obwohl du sagst, wir können sie noch nicht so klar fassen. Teilweise ist sie sehr klar, teilweise lichtet sich der Nebel noch. Wenn du das mal zusammenfasst, angefangen von Russland: Was ist das Neue, das du jetzt schon benennen kannst? HELLINGER Zuerst einmal war es für mich eine große persönliche Bereicherung, in den verschiedenen Kulturen und in verschiedenen Feldern diese Arbeit zu machen und zu sehen, wie jedes Feld etwas ganz Besonderes hat, etwas eigenes Schönes. Ich konnte meinen Erfahrungsschatz enorm erweitern. Früher habe ich mir nur Vorstellungen gemacht, wie die Japaner sind oder die Chinesen. Jetzt habe ich sie auf eine besonders intensive Weise kennengelernt, wie man das als Tourist nie kann. So einen Kurs zu machen, in dem sich die Teilnehmer öffnen und ihre Familie zeigen und ihre Haltungen mit den ganzen Emotionen - das hat mich sehr bereichert. Ich habe eine große Achtung vor all diesen Kulturen gewonnen, und ich habe mich mit der Kultur, aus der ich komme, in etwas Größeres eingefügt. Ich sehe sie alle nebeneinander mit ihrem ganz besonderen Wert. Das kommt mir natürlich für diese Arbeit enorm zugute. Nach diesen fünfeinhalb Wochen fühle ich mich sehr gewachsen. Dadurch, dass laufend immer neue und andere Erfahrungen dazu kamen, hat sich ein intensives Feld aufgebaut. Hier, zum Schluss in den USA, war es am intensivsten. HOHNEN Ich habe das Bild, dass nicht nur dein Erfahrungsschatz sich erweitert hat, sondern auch deine Seele. HELLINGER Ich habe viele Erfahrungen dazugewonnen. Auch mein Vertrauen in die Seele von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ist gewachsen. Man sieht, wie im Grunde das Gleiche wirkt, dem jeder aber noch etwas Besonderes hinzufügt, was die anderen nicht haben. Da ist noch etwas, was mir gerade in den Sinn kam, ich kann es aber im Augenblick nicht benennen. Ich habe die verschiedenen Energien gespürt. Russland hatte eine eigene Energie, Japan hatte eine eigene Energie, Taiwan hatte eine eigene Energie. Aber in allen drei Ländern war spürbar, dass es eine Aufbruchsenergie ist und dass da in Zukunft doch sehr viel geschehen wird. HOHNEN Für mich war faszinierend, dass die bisherigen Gesetzmäßigkeiten, die du über die letzten zehn Jahre oder noch länger beobachtet hast, sich in diesen Ländern genauso gezeigt haben, und das bei Teilnehmern, die vorher von dieser Arbeit keine Ahnung hatten. Das hat etwas Beruhigendes in dem Sinne, dass man sich darauf verlassen kann. Also, das Besondere war für mich, dass aus anderen Kulturen Leute in eine Aufstellung rein gehen und es zeigen sich im Grunde die gleichen Gesetzmäßigkeiten. HELLINGER Das ist die Bestätigung, dass wir im Einklang mit etwas Größerem sind. HOHNEN Was die Seele betrifft, habe ich bemerkt, dass es in einen ruhigeren Bereich hinein geht. Dieser ruhigere Bereich trägt mehr. HELLINGER Das ist schön gesagt. Es ist etwas Stilles, Gesammeltes, das ohne viel Tamtam Kraft ausstrahlt. HOHNEN Zu den kulturellen Unterschieden noch mal rückblickend: Es war faszinierend für mich, wie das Thema Mutter in Japan und China ganz im Vordergrund steht. Hier in den USA nicht mehr. HELLINGER Scheinbar. HOHNEN Vielleicht sind die morphogenetischen Felder der Länder und Kulturen unterschiedlich. In Taiwan haben wir sehr viel den Schmerz gespürt, hier nicht so sehr. HELLINGER Das hier ist eine andere Kultur, die von vielem verschont geblieben ist und sich von daher auch anders entwickelt hat. Aber wenn ich hier länger arbeiten würde - die Mütter kämen wieder zum Vorschein. HOHNEN Was ich, zusammenfassend, auf dieser Reise auch erlebt habe: die Form der Rituale verändert sich. Deine Arbeit mit Ritualen wird immer mehr ein wesentlicher Bestandteil, aber in einer sich verändernden Form. HELLINGER Vor allem sind diese Rituale ganz schlicht, zum Beispiel wenn man die Generationen hintereinander aufstellt. Das ist ein Ritual was wir in verschiedenen Variationen ausgelotet haben. HOHNEN Auch die Rituale sind in Bewegung, dürfen sich bewegen. Sie werden von dir nicht in einer fixierten Form benutzt. Du ziehst dich, nachdem du das Ritual initiiert hast, zurück, und dann nimmt jedes Ritual, obwohl es die gleiche Ausgangsposition hat, einen eigenen Lauf. HELLINGER So sehe ich das auch. HOHNEN Wir kommen zum Schluss. Gibt es noch einen schönen Satz zum Abschluss, wenn du zurückschaust? HELLINGER Das Abschlusswort kam gestern am Schluss des Kurses, als jemand fragte: Was ist jetzt das Wichtigste? Ist es die Liebe? Ist die innere Haltung die Liebe? Ich habe gesagt: Es ist "awe". Auf Deutsch würde das heißen: staunendes Stillehalten. HOHNEN Mit dem staunenden Stillehalten trotzdem vorangehen? HELLINGER Im staunenden Stillehalten passiert etwas, das nicht mehr von uns gesteuert ist. Dennoch geschieht etwas. Im Deutschen benutze ich dafür das Wort "Andacht". Aber "awe" ist noch umfassender für mich. HOHNEN Auch dieses Stillehalten bewirkt etwas. HELLINGER Es ist die Wirkung durch Nichthandelns. Nichthandeln in dem Sinne, dass man staunend stehen bleibt, und dann bewegt sich etwas um einen herum. HOHNEN Danke. |
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