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    Das Virtuelle Institut | Bert Hellinger | Reiseberichte
 

Interview von Harald Hohnen mit Bert Hellinger
im Anschluss an den Kurs in Taiwan
Oktober 2001

Die wichtigsten angesprochenen Themen

  • Starke Reaktion der Presse
  • Wichtig, dass Bücher in Landessprache zur Verfügung stehen
  • Besondere Verbundenheit Hellingers mit dem Fernen Osten
  • Unterschiede der Menschen Japans und Taiwans
  • Besondere Formen des Gefühsausdrucks und der Bewegung
  • Befragung und Kurztherapie
  • Hustenreiz und Zurückhaltung von Worten
  • Teilnahme der Gruppe
  • Perspektiven für die Volksrepublik China
  • Verbindungen zu Laotse und dem bewussten Nichthandeln
  • Konfuzius und Familie, Staat und Menschheit
  • Psychotherapie oder Seelenarbeit?
  • Weiteres Engagement Hellingers in China sicher
  • Unterbrochene Liebe zum Vater und Selbstaggression
  • Die ursprünglichen Liebe zum Zuge kommen lassen
  • Zur Reduktion von Interventionen in der Aufstellungsarbeit
  • Wichtige Einflüsse ans Licht bringen
  • Bisweilen auf dem Höhepunkt der Energie abbrechen
  • Über das Nichtzurückschauen
  • Lösungssätze, Verdichtung und Abbrechen von Aufstellungen
  • Einflüsse von Dynamik und Leid eines Volkes auf das Feld
  • Mit dem Publikum Raum für Gemeinsames schaffen

HOHNEN  Bert, unser übliches Interview nach einem Kurs in einem fremden, fernen Land. Wir waren in der Republik China, besser bekannt als Taiwan, das mehr westlich orientiert ist, und du hast dort einen Kurs gegeben. Außerdem hast du Interviews gegeben. Ein erstes Buch über das Familien-Stellen "Love's Hidden Symmetry" ist im Chinesischen veröffentlicht worden und du hast es dort vor der Presse präsentiert. Ich habe selten so einen Presseauflauf gesehen wie in Taiwan. Auch hast du vor Studenten und Professoren der pädagogischen Hochschule gesprochen und warst sozusagen in deinem Element als Lehrer. Bevor wir ins Detail gehen, was war dein Gesamteindruck, was Nationalchina betrifft?

HELLINGER  Der erste Eindruck war, dass es ein hoch entwickeltes Land ist. Gleichzeitig strahlt es eine gewisse Ruhe aus, etwas Friedliches, etwas Offenes, etwas Herzliches. Ich konnte mich da sehr schnell wohl fühlen. Zumal auch der Organisator des Kurses, Netra, und seine Frau das sehr schön auf eine stille Weise vorbereitet hatten, ganz unauffällig. Erst ganz langsam sind wir darauf gekommen, wieviel Mühe er und seine Mitarbeiter in all das hinein gelegt hatten, um es so gut vorzubereiten. Er hat ja auch das Buch "Love's Hidden Symmetry" ins Chinesische übersetzt. Der Eindruck davon war, so habe ich es aufgenommen: Es ist sehr schön übersetzt, es ist auch sehr schön präsentiert worden, also die Presse war davon sehr angetan. Die Frau die das Buch editiert hat, war bei der Pressekonferenz dabei und hat mir gesagt, wie sehr sie das Buch bewegt.

HOHNEN  Von anderen Leuten haben wir gehört: Sie haben erst mal interessiert in das Buch reingeschaut, und als sie dann wieder reingeschaut und darin gelesen haben, haben sie nur geweint. So sehr hat es sie berührt.

HELLINGER  Dass dieses Buch herausgekommen ist und dass Netra das so schön gemacht hat, war natürlich ganz wichtig. Hier konnten wir sehen: Es hat wenig Zweck, wenn wir Kurse in einem fremden Land halten, ohne dass auch die entsprechenden Bücher zur Verfügung stehen. Das haben wir in Russland gesehen, wo "Zweierlei Glück" und "Ordnungen der Liebe" in Russisch erschienen sind. Und das haben wir in Japan gesehen, wo bisher kein entsprechendes Buch erschienen. Doch werden dort jetzt große Anstrengungen gemacht, möglichst bald "Ordnungen der Liebe" und "Love's Hidden Symmetry" und später noch andere Bücher zu übersetzen. Hier in China ist nun dieses eine Buch erschienen. Man muss aber wissen, dass dieses Buch im anderen China nicht ohne weiteres gelesen werden kann. Es muss also für die dortigen Leser noch angepasst werden. Aber das wird sofort von Leuten aus Hong Kong sehr schnell besorgt.

Weil wir gerade bei den Büchern sind: Es hat sich gezeigt wie vorausschauend es war, dass ich in Deutschland "Ordnungen der Liebe" von Po Lin, einer Chinesin, die in Düsseldorf lebt ins Chinesische übersetzen lasse. Demnächst will Dominic Ling aus Hong Kong auch "Anerkennen was ist" ins Chinesische übersetzen. Und wir bringen natürlich auch den Kurs in Taiwan als Transkript in Chinesisch heraus. Das gleiche gilt für Japan, auch dort bringen sie die Kurse, die ich dort gehalten habe, als Buch in Japanisch heraus. Was besonders hilft, ist, dass die Videos, die wir hier gemacht haben, sehr bald in Japanisch und Chinesisch zur Verfügung stehen werden. Auf dieser Grundlage kann sich hier etwas entwickeln.

HOHNEN  Wenn man dir zuhört, spürt man, wie sehr dir diese Länder, der Ferne Osten, am Herzen liegen.

HELLINGER  Ja sehr. Ich fühle mich ihnen sehr verbunden. Die Art wie man hier an Dinge herangeht, auch dieses mit-dem-Fluß-gehen, was mir ja von meiner langen Beschäftigung mit dem Taoismus und dem Konfuzianismus sehr nahe ist, verbindet mich sehr. Ich hatte Japan und China vorher schon bereist, aber es ist etwas ganz anderes, mit diesen Menschen in Kursen zusammenzukommen und einen Einblick in ihre Seele zu bekommen und in die Seele ihrer Kultur. Und in Taiwan war auffällig, wie völlig anders die Chinesen im Kurs reagiert haben, als die Japaner. Vielleicht schildere ich mal kurz den Unterschied:

Die Japaner waren sehr direkt, sehr klar, angenehm klar, sehr schnell mit der Tiefe verbunden, auch mit der Tiefe der Seele. Sie haben ihre Gefühle klar geäußert, fast immer im Sinne von primären Gefühlen. So etwas wie sekundäre Gefühle haben wir dort kaum gesehen. Im Großen und Ganzen war es einfach, in Japan zu arbeiten.

Hier in Taiwan hatte ich erst die Vorstellung, da es mit den Chinesen ähnlich wie in Japan sein wird. Aber hier war es völlig anders. Die Gefühlsausbrüche waren hier unglaublich stärker. Vieles davon war von extremer Dramatik, sodass ich zuerst an Sekundärgefühle dachte, an das, was wir Sekundärgefühle nennen. Im Laufe der Tage habe ich gesehen, das wir diese Gefühlsausbrüche nicht in diese Kategorie einordnen dürfen. Da kommt etwas anderes zum Vorschein. Mir kam dann das Bild, dass der kollektive Schmerz eines über viele Jahre geschundenen Volkes, das unglaubliches Leid erlebt hat, hier zum Ausdruck drängt.

HOHNEN  In Japan haben sich die Stellvertreter in einer Aufstellung eher erst mal voneinander entfernt, sind ein paar Schritte zurückgegangen. Man konnte sich aber auf die Bewegungen im Großen und Ganzen gut verlassen.

Hier in Taiwan waren zu Anfang eher abrupte Bewegungen zu sehen, nichts von dem Erstmal zurückzutreten und dann langsam aufeinander zuzugehen, sondern viele Bewegungen hatten so etwas wie Dem-anderen-nicht-gut-gesonnen-sein.

HELLINGER  Für mich war eindrücklich, dass eine Bewegung, wenn sie sich entwickelt hatte, sehr langsam vor sich ging. Viel langsamer als in Japan, langsamer auch als bei uns. Ich war manchmal versucht, etwas nachzuhelfen, habe das aber unterlassen. Ich habe gesehen, dass man ihnen die volle Zeit geben muß. Wenn man sie ihnen gibt, dann erreicht diese Bewegung auch ihr Ziel.

Die Stellvertreter hier waren fast alle sehr verläßlich. Man muss da allerdings zurückhaltend sein und ihnen viel Zeit lassen. Auffallend war hier auch, dass viele zuerst mit nebensächlichen Problemen allgemeiner Art kamen, zum Beispiel, "Ich möchte mehr Erfolg im Leben haben" oder so ähnliches. Ich habe es abgelehnt, mich mit so etwas zu befassen. Ganz langsam kamen dann die anderen Probleme hoch. Vieles konnte dann im Gespräch gelöst werden im Sinne von Kurztherapien, ohne dass wir Aufstellungen gemacht haben. Ich habe daher oft zuerst einmal demonstriert, wie man einen Klienten befragt und wie man nach dem Wesentlichen sucht. Wenn es dann einen Anhaltspunkt gab, habe ich ihn aufgegriffen und damit in einer Weise gearbeitet hat, dass es der gesamten Gruppe etwas Wichtiges gezeigt und ihr geholfen hat. Diese Vorgehensweise hat sich hier sehr bewährt.

HOHNEN  Ich habe erlebt, dass du im Gegensatz zu Japan mehr eingegriffen hast. Wenn du von den langsamen Bewegungen sprichst, war das ja auch ein Ergebnis deiner Korrektur-Eingriffe. Ich habe zum Beispiel in Japan überhaupt nicht erlebt, dass du gesagt hast "ohne Ton". Hier hast du das öfters gemacht. Vielleicht auch vor dem Hintergrund, dass wir sehr schnell an starke Gefühle kamen, die wir am Anfang nicht gleich einordnen konnten. Wir konnten zum Beispiel beobachten, dass es in fast jeder zweiten Aufstellung ganz starke Hustenreize gab, ohne dass in der Gruppe oder im Raum eine Erkältung war. Auch dazu hast du ja ein Bild gehabt.

HELLINGER  Das Bild ist, dass dort, wo es solche Hustenreize gibt, ein Wort zurückgehalten wird. Einiges ging natürlich auch auf kindliche Erlebnisse zurück. Wir mussten hier oft mit wenig Informationen arbeiten. Es war schwer Informationen aus der Vergangenheit zu bekommen. das ging manchmal nur über die Aufstellung. Das war für mich am Anfang schwer. Der erste Tag dieses Kurses in Taiwan war für mich schon mühsam. Aber dann hat er sich sehr schön entwickelt.

HOHNEN  Mal allgemein betrachtet: Wenn wir die Arbeit in Japan und China noch mal reflektieren, dazu vielleicht auch Russland: Es wurde nicht allzu viel an konkreten Informationen angeboten. Wie ordnest du das ein, im Gegensatz zu anderen Ländern, zum Beispiel im europäischen Kulturraum?

HELLINGER  Es ist schon so, dass die Therapien, die dort angeboten werden, sich mehr in der klassischen Weise auf den Einzelnen bezieht und auf seine inneren Bewegungen achtet, auf seine inneren Gefühle, und dass der Bezug zum System, zur Familie, weitgehend ausgeklammert ist. Das hat auch die Formulierung beeinflusst, wenn sie ein Problem geschildert haben. Nur ganz langsam konnten ihnen die systemische Sichtweise eröffnet werden - und dann ging es auch. Aber es wird natürlich über solche Dinge wenig in den Familien gesprochen. Es wird viel tabuisiert. Dann ist es nicht ganz einfach, so etwas ans Licht zu bringen. Im Großen und Ganzen aber und zum Schluss ist es gelungen.
Hier in Taiwan war auffällig, dass das Publikum mit den Bewegungen der Seele unglaublich intensiv mitgegangen ist. Die ganze Gruppe wurde davon erfasst.

Zum Beispiel habe ich mit einer Frau gearbeitet, die überhaupt keine Gefühle zeigte. Nur so nebenbei, ohne mit ihr zu arbeiten, habe ich sie die Augen zumachen lassen und habe dann lange gewartet, bis sich etwas entwickelt. Das hat die ganze Gruppe sehr mitgenommen. Ganz langsam zeigten sich dann Bewegungen und einige Gefühle bei ihr. Sie war vollständig von ihrer Mutter abgeschnitten. Was es bedeutet, zur Mutter hinzugehen und welche Überwindung das die Einzelnen kosten kann, war in dieser Aufstellung sehr schön zu sehen.

HOHNEN  Hier, ähnlich wie in Japan, ging es meistens um die Mutter. Nicht so deutlich wie in Japan als Frage, aber von der Dynamik her als Unterbrechung des Kontakts zur Mutter, auch wieder über mehrere Generationen. Hast du das auch so erlebt?

HELLINGER  Ja. Aber um daraus allgemeine Schlüsse zu ziehen, dazu haben wir zu wenig Material. Jedenfalls ist deutlich, dass das Interesse für diese Art der Arbeit dort sehr groß ist. Wir sind auf ein hoch intelligentes Publikum gestoßen, es waren sehr versierte Leute dabei. Von daher kann viel in Gang kommen. Es waren auch mehrere Leute aus Hong Kong dabei, zum Beispiel Valent Lee, den wir schon kannten, und andere hoch qualifizierte Leute, die das Familien-Stellen auch in China zum Erfolg führen wollen. Von daher eröffnet sich nach dem Kurs in Taiwan auch eine Perspektive für China. Vor allem haben wir jetzt ein Gefühl dafür bekommen, wie Chinesen reagieren und auf was wir uns einstellen müssen. Dadurch sollte uns die Arbeit später in China sehr viel leichter fallen.

HOHNEN  Du bist ja auch in den Interviews sofort mit Laotse und mit Konfuzius konfrontiert worden. Was sind deine Bilder gewesen, wenn du das mit dem vergleichst, was du darüber gelesen hast, und wie du das in der konkreten Arbeit erlebt hast?

HELLINGER  In "Zweierlei Glück" hat ja Gunthard Weber am Anfang darauf hingewiesen, dass ich sehr mit Laotse verbunden bin. Das haben sie, da es am Anfang steht gelesen, und es war für sie ein Anknüpfungspunkt. Aus der Verbindung mit Laotse konnte ich manche Wirkungen und Vorgehensweisen beim Familien-Stellen erklären, zum Beispiel die Wirkung des bewussten Nichthandelns. Das habe ich dann bei den Kursen auch demonstriert. Wenn ich manchmal mit einer Klientin gearbeitet habe, die nur neben mir saß und mit der ich gar nichts gemacht habe, und wenn dann doch in ihr etwas Wichtiges abgelaufen ist, war das ganz im Sinne der chinesischen Haltung von Wirken durch Nichthandeln.


Und dass wir bei Konfuzius diese hohe Achtung vor der Familie finden, und dass er sagt, dass die Grundordnung der Welt eigentlich in der Grundordnung der Familie vorgegeben ist und dass, wenn man in der Familie etwas in Ordnung bringt, sich das auch auf die größeren Gruppen auswirkt und am Ende auch auf den Staat und auf die Menschheit, zeigt, wie sehr das Familien-Stellen im Grunde mit ihm übereinstimmt. Hier konnte ich auch einiges aus meinem Wissen und meiner Erfahrung ergänzen, zum Beispiel die Wirkungen von Verstrickungen und wie man sie löst. Das stieß bei ihnen sofort auf Verständnis.

Schön war für uns die Rückmeldung eines Taiwanesen am Ende des Kurses. Er sagte: Dieser Kurs war keine Psychotherapie, wie wir sie kennen - das war Seelenarbeit, soul work. Das war es auch.

HOHNEN  Die Arbeit in Japan und in China entspricht dir in besonderem Sinne. Wenn ich dir so zuschaue, ist sie eine Art Zusammenfassung, einerseits der Ordnungen der Liebe, so wie du früher damit gearbeitet hast, aber jetzt zusätzlich mehr dieses "Wirken ohne zu handeln". Das entspricht dem augenblicklichen Stand deiner Arbeit mehr und wurde dort ganz intensiv, ganz tief und wohlwollend aufgenommen.

HELLINGER  Ja, so habe ich das auch erlebt und deswegen habe ich mich hier auch wohl gefühlt. Es ist ganz klar, dass ich mich in Zukunft hier noch sehr viel mehr engagieren werde. Es wäre für mich unverantwortlich, nur einmal hierher zu kommen, etwas zu zeigen und dann wieder zu verschwinden, als wäre damit nicht auch eine Verpflichtung verbunden. Wenn ich hierher komme, habe ich auch eine Verpflichtung denen gegenüber, die das aufgreifen und weiterentwickeln wollen.

HOHNEN  Ich verrate also kein Geheimnis, wenn ich sagen, dass im nächsten Jahr außer Japan und Taiwan zusätzlich die Volksrepublik China und Südkorea hinzukommen werden?

HELLINGER  Nein, es war nicht das letzte Mal.

HOHNEN  Bert, gibt es eine besondere Aufstellung, die dir aus dem Kurs in Taiwan haften geblieben ist? Für mich war zum Beispiel sehr bewegend die eine Aufstellung mit dem Inzest, in der die Klientin ihre Gefühle der Abwehr und des Schmerzes sehr stark zum Ausdruck brachte, du ihr aber trotzdem den Weg zum Vater gewiesen hast, weil für sie der einzige Weg zur Lösung die Anerkennung ihrer Liebe zum Vater war. Es war eine sehr schmerzhafte aber letztendlich erfolgreich Bewegung die dahin führte.

HELLINGER  Diese Aufstellung war in jeder Hinsicht bewegend. Die Klientin war ja ganz in den Gefühlen. Man konnte sehen sie war noch ein ganz kleines Kind und dem Geschehen schutzlos ausgeliefert. Die ganze Energie, die Liebe, die eigentlich zum Vater ging, wurde als Aggression auf sie selbst zurück gewendet. Sie hat sich die ganze Zeit immer geschlagen und ich habe gesehen, dass dieses Kind nur gerettet werden kann, wenn es die Liebe, die sich ja auch in dieser Selbstaggression zeigte, auch zum Zuge kommen lässt. Deswegen habe ich sie nur immer näher zum Vater geführt. Dort hat sie sich immer noch selbst geschlagen und dann, ganz langsam, hat sie auf einmal die Hände um ihn gelegt, aber immer noch zu Fäusten geballt. Dazwischen ist sie wieder zurückgegangen und erst am Ende, als sie den Vater wirklich umarmen konnte, wurde sie ruhig.

Man konnte sehen, was es in der Seele bewirkt, wenn man dieser ursprüngliche Liebe, die selbst in so einer Situation ganz stark ist, zum Zuge verhilft. Dann ist das Thema des Inzest in etwas anderes eingeordnet und leichter für dieses Kind zu ertragen. Ich hatte zur Vorsicht auch die Mutter hingestellt, aber es zeigte sich: vor der Mutter hatte sie noch viel größere Angst als vor dem Vater. Schön war es, am Ende ihr Gesicht zu sehen. Es war völlig verwandelt.

HOHNEN  Mir fällt auf, dass du immer weniger, im Grunde fast gar nicht mehr, eine komplette Familienaufstellung machst, sondern dass du die Arbeit an einen bestimmten Punkt führst, und sie dann beendest, abbrichst, wie du manchmal sagst, sie aber eigentlich dann der großen Seele überlässt. Das wurde mir immer deutlicher, nicht nur, wo die Arbeit harmonisch alleine weiter gehen kann. Auch in Situationen, wo es nicht harmonisch ausschaut, stoppst du die Arbeit und überlässt den weiteren Prozeß etwas anderem.

HELLINGER  Häufig habe ich nur das Problem ans Licht gebracht, zum Beispiel dass in einer Familie die Mutter weg will, weil ihre Großmutter früh starb und sie mit ihr ganz verbunden ist. Bei der Aufstellung kam auch ans Licht, dass ihr achtjähriger Sohn sterben will. Man konnte sehen, dass sie das noch nicht annehmen konnte. An der Stelle habe ich abgebrochen. Man bricht auf dem Höhepunkt der Energie ab, dann bewirkt es am meisten. Diese Frau kam danach zu mir und sagte, dass dieser Sohn in Wirklichkeit oft sagt, dass er sterben will. Die Aufstellung brachte es deutlich ans Licht. Doch sie wusste es schon vorher, nur welche Zusammenhänge das hat, war ihr nicht klar. Die Aufstellung nach einer so dramatischen Einsicht zu unterbrechen und dann darauf zu warten, dass die Seele wirklich weiter macht, verlangt vom Therapeuten sehr viel. Und das ist das Äußerste von dem, was Laotse das Nichthandeln nennt.

In dem Zusammenhang wurde für mich ein Satz von Laotse immer bedeutsamer: Der Berufene, wenn er seine Arbeit beendet hat, schaut nicht mehr zurück. Das gilt auch hier auch. Auch eine Arbeit, die abgebrochen ist, ist für mich beendet. Aber gerade dadurch, dass ich dort aufhöre, geschieht nachher noch etwas Unerwartetes.

HOHNEN  Ich hake trotzdem noch mal nach. Das mit dem Höhepunkt hast du ja früher auch schon gesagt. Aber früher war der Höhepunkt eher woanders, er war eher bei den Lösungssätzen. Heute erlebe ich, dass du viel eher in der Anfangsphase schon den Höhepunkt siehst, wenn das Problem zum Vorschein gekommen ist.

HELLINGER  Es ist nicht so, dass ich das absichtlich vorverlegt habe, sondern oft waren die Lösungen nicht möglich, weil zu wenig Informationen gegeben wurden und weil es sehr starke Widerstände gab. Auch weil es offensichtlich für die Chinesen ein Umfeld gibt, das es ihnen nicht so leicht erlaubt, an solche Informationen heranzukommen und sie dann auch zu sagen. Es war also durch die Umstände bedingt, dass ich dann relativ früher aufgehört habe. Wurde die Möglichkeit einer Lösung sichtbar, habe ich die Aufstellung manchmal auch sehr weit vorangebracht.

HOHNEN  Es hat sich gezeigt, dass der frühe Abbruch trotzdem eine gute Wirkung hatte. In diesem Zusammenhang noch eine Frage von jemand, der von außen intensiv zuschaut. Ich erlebe, dass du manchmal Rituale, die du früher eher selbst strukturierend vorgegeben hast, häufig nur noch in ihrer Anfangsform anbietest und sie sich dann alleine entwickeln lässt. Früher war es ja so, dass ein Lösungsritual von dir begleitet und strukturiert wurde. Jetzt sagst du dem Klienten, ich zeige dir mal was, ich demonstriere dir das mal. Dann stellst zum Beispiel zwei Stellvertreter einander gegenüber und man denkt, Aha, der Bert will jetzt etwas demonstrieren - aber du ziehst dich an dem Punkt schon zurück und überlässt das Feld völlig den Stellvertretern bzw. der Seele der Familie. Das heißt, dass du offen bist, dass aus diesen Ritualen sich neue Bewegungen und Formen zeigen.

HELLINGER  Ja, und zwar ohne, dass ich eingreife. Manchmal habe ich gesehen, dass ich eingreifen muss, dann habe ich es auch gemacht. Aber oft genügt es, wenn die Bewegungen angefangen haben, auch ohne, dass sie zu Ende geführt wurden. Denn es war allen klar, wohin sie führen müssen, deshalb konnte ich auch an diesem Punkt abbrechen. Also, die Verdichtung hier hat in vieler Hinsicht noch zugenommen.

HOHNEN  Für mich nicht nur die Verdichtung. Gleichzeitig habe ich die Arbeit als im Grunde noch offener erlebt, weil neue Aspekte, neue Bewegungen, neue Erfahrungen hinzukommen dürfen. In diesem Zusammenhang noch mal die Frage: Hast du hier andere Dynamiken erlebt als in Europa, dem kulturellen Raum, aus dem wir kommen, oder haben sich die wesentlichen Grunddynamiken, die in einer Familie und über die Generationen wirken, auch hier bestätigt?

HELLINGER  Die wesentliche Dynamiken haben sich hier bestätigt. Dennoch, dass mir hier plötzlich das Bild kam, über die Dynamik der einzelnen Familie hinaus, in den Gefühlen der Einzelnen auch die Dynamik eines Volkes und das Leid eines Volkes zum Ausdruck kommen kann, das war für mich neu. Sie waren ja in diesen Gefühlen eigentlich von sich weg, als bewegten sie sich in einem anderen Feld. Dieses Feld hat auch auf die ganze Gruppe gewirkt. Ich habe einmal bei einer Frau gesagt, dass das, was sie geäußert hat, das Leid der Mütter, der vielen Mütter in China war.

Ich habe ihr dann gesagt, sie solle in die Gruppe schauen, sich all diese vielen Mütter vorstellen und sich vor ihnen verneigen. In diesem Bild haben diese Mütter sich dann abgewendet und haben sich vor einem fernen Licht verneigt. Die Lebenden konnten dann diese Mütter in ihrem Leid irgend woanders aufgehoben wissen, sich von ihnen zurückziehen und in die Zukunft schauen. Das war natürlich ein ganz neuer Schritt. Ich will mich aber nicht darauf festlegen, dafür ist es zu neu. Aber da scheint sich etwas gezeigt zu haben, was sich für die Zukunft als hilfreich erweisen wird.

HOHNEN  Ich habe dich insgesamt in Japan und besonders in Taiwan auf eine Art und Weise arbeiten sehen, die fast jedem Einzelnen aus dem Publikum miteinbezogen hat. Jeder Schritt, der von dir getan wurde, ob nun erklärt oder nicht erklärt, hat für mich mehr als in anderen Kursen, zum Beispiel in Deutschland oder in Amerika, jeden im Publikum auf eine bestimmte Art und Weise bewegt. Das mag natürlich auch daran liegen, dass sie dich zum ersten Mal erleben durften. Es hatte aber auch das Bild, dass du dich sehr respektvoll in dieses Feld hinein begeben hast, ohne jetzt großartig irgendwelche Wahrheiten zu verkünden, sondern einfach Raum gegeben hast, miteinander etwas Gemeinsames zu erreichen.

HELLINGER  Das innere Bild, das mich dabei begleitet hat war: Unauffällig in diesem Feld bleiben, wirklich wie einer von denen, der nur das aufgreift was da ist, damit etwas bewirkt, und dann wieder unauffällig wird. Ich war hier im Grunde kein Westler, ich war wie ein Chinese oder wie ein Japaner. So habe ich mich da auch gefühlt, so konnten sie mich erleben, und das hat diese Innigkeit ermöglicht. Wir durften dann ja auch bei einer Familie sein und die Chinesen auf eine ganz nahe Weise erleben. Unglaublich beeindruckend für mich war diese Kultur, die sich in vielen kleinen Alltagsdingen zeigt. Deswegen war ich hier einer, der selbst gelernt hat und der achtungsvoll das in sich aufnehmen konnte.

HOHNEN  Sie haben dir auch signalisiert, dass sie sich sehr respektvoll behandelt gefühlt haben, und dass sie Interesse an einer weiteren sehr engen Zusammenarbeit haben.

HELLINGER  Dem will ich natürlich, soweit ich das noch kann und darf, gerne entgegenkommen.

HOHNEN  Es war mehr das Öffnen eines Tores. Von daher hat weniger Einzelne gezählt, sondern das Ganze.

HELLINGER  Was besonders schön war: Es sind lauter Freunde gewesen, mit denen wir zu tun hatten. In Japan waren wir mit den Veranstaltern durch eine tiefe Freundschaft verbunden. Hier in Taiwan auch und mit den Teilnehmern, die aus Hong Kong kamen auch. Aus dieser Freundschaft und dem gegenseitigen Respekt wird in Zukunft etwas erwachsen, jenseits von irgendwelchen Business-Interessen etwa in dem Sinne, das greifen wir auf und machen etwas damit. Sondern der Wunsch anderen im Sinne einer Dienstleistung zu helfen, der war bei allen deutlich zu spüren. Gerade das macht es für mich so einfach, wieder hierher zurückzukommen.


 
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