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Interview von Harald Hohnen mit Bert Hellinger Die wichtigsten angesprochenen Themen
HOHNEN Bert, wird sind soeben aus Japan abgereist, und bevor wir in das Neue in Taiwan eintauchen, noch mal eine kurze Rückschau. Was waren wesentliche, wichtige neue Erfahrungen bezogen auf das Familienstellen in Japan? Um das voranzustellen, wir haben schon beim International-Training-Program in ZIST gelernt: auch die Japaner können Gefühle zeigen. HELLINGER Es war schon überraschend wie einfach das mit den Japanern ging. Was mich vor allem beeindruckt hat, war, wie direkt sie sich geäußert haben, und der Respekt, den sie gezeigt haben, untereinander und auch uns gegenüber. Dadurch wurde die Arbeit mit ihnen natürlich besonders einfach. Was auch auffällig war: Es gab kaum Sekundärgefühle, sie haben ihre Gefühle ganz direkt geäußert. Auffällig war auch die Sammlung, mit der sie dabei waren. Wenn die Klienten nach vorne kamen, waren sie ganz schnell in einer tiefen Sammlung, sodass es einfach war, mit ihnen zu arbeiten. Auch wenn man sie sich selbst überlassen hat, im Sinne der Bewegungen der Seele, war das so authentisch, wie ich es kaum sonst irgendwo gesehen habe. Insofern war es schon eine besondere Erfahrung. HOHNEN Nochmals zu den Gefühlen. Wir haben gesehen, die Japaner, Frauen und Männer, können durchaus tiefe Gefühle zeigen, sie können traurig sein, sie können glücklich sein. Sie haben, was das betrifft, wenig Unterschiede gezeigt zu dem, was wir bisher in Europa oder in Amerika gesehen haben. HELLINGER Bei ihnen ging es eher noch tiefer. Ich glaube auch, dass das Familien-Stellen und die Einsichten, die es ans Licht bringt über die Verbundenheit miteinander und über den Vorrang des Ganzen gegenüber dem Einzelnen, bei ihnen viel mehr noch im Bewusstsein ist. Insofern kommt ihnen das Familien-Stellen in besonderer Weise entgegen. HOHNEN Wir haben erfahren, dass für die japanische Kultur sowieso die gesamte Gruppe mehr zählt als das Individuum. Hat sich das für dich beim Familien-Stellen auch deutlich bemerkbar gemacht? HELLINGER Ja, in vieler Hinsicht. Das zeigte sich im Kurs auch darin, dass es schwer war, Japaner dazu zu bringen Fragen zu stellen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sie freimütig ihre Fragen gestellt haben, weil das in ihrer Kultur so nicht vorgesehen ist. Man wartet auf das, was man bekommt und stellt das auch nicht in Frage. Eindrucksvoll war auch die große Bereitschaft, das Familien-Stellen aufzunehmen. In Zukunft ist in Japan über das Familien-Stellen offensichtlich sehr viel möglich. HOHNEN Nun haben wir das große Glück gehabt, zwei Kurse hintereinander geben zu dürfen. Wir haben also wesentlich mehr Zeit gehabt, uns in die Kultur hineinzufühlen. Der erste Kurs war in Tokio, der zweite Kurs in Kyoto. Mir ist auch aufgefallen, dass eine Bereitschaft da war, sich tief auf diese Arbeit einzulassen, obwohl es für sie etwas völlig Neues bedeutete. HELLINGER Die beiden Kurse haben aufeinander aufgebaut. Wir haben uns einfühlen können, und einige der Japaner kamen auch noch zum zweiten Kurs. Von daher war der zweite Kurs eine Fortführung des ersten und hat vieles aus dem ersten Kurs erheblich vertieft. HOHNEN Nun etwas zum Inhalt. Was mir besonders aufgefallen ist war das Thema: die Mütter. HELLINGER Die Trennung von den Müttern fällt offensichtlich schwer. Der Einfluss der Mütter ist sehr stark. Die Männer werden von den Frauen oft herabgesetzt. Die Frauen fühlen sich ihnen überlegen. Vielleicht kommt es daher, dass auf die Frauen in Japan sehr viel zukommt. Sie haben weniger Freiheiten als wir in Europa. Als Gegengewicht machen sie ihren Einfluss in der Familie geltend, sodass sie dort ihren Raum voll in Anspruch nehmen. HOHNEN Wenn eine Klientin oder ein Klient aufgestellt wurde und die Mutter kam hinzu, ging oberflächlich von den beiden Kursen bisher gesehen, die Bewegung eher rückwärts. Weniger, wie wir das in Europa oder Amerika erleben, ganz schnell mit einer klaren Bewegung zur Mutter hin, sondern kurze Schritte zurück und eher Skepsis gegenüber der Mutter, also eher erst mal eine Abgrenzung. HELLINGER Später hat sich diese Vorwärtsbewegung bei ihnen auch entwickelt. Aber was natürlich bei dem auch zu bedenken ist, dass die Japaner auf eine Führung warten. Wenn sie zur Mutter hingehen wollen, gehen sie nicht sofort von sich aus, sondern sie warten darauf, dass der Therapeut sagt: Geh mit deiner Bewegung. Das dauerte einige Zeit. Nachher ging es dann ganz von selbst, aber am Anfang gab es eine gewisse Zurückhaltung. Unter den Japanern drängt man sich nicht vor. HOHNEN So ähnlich war es, wenn du gefragt hast, wer noch arbeiten möchte. Es war klar, viele wollten noch arbeiten, aber sie haben sich nicht getraut sich zu melden. Sie haben sich oft auch nicht getraut, noch mehr Zeit in Anspruch zu nehmen. HELLINGER Dieser Respekt, den ich am Anfang schon erwähnt habe, war sehr ausgeprägt. Im Laufe der Zeit hat das nicht mehr gehindert, es hatte im Großen und Ganzen eine wohltuende Wirkung. HOHNEN Wir sind ja dann auch auf wesentliche Themen eingegangen. Ein ganz wichtiges Thema war zum Beispiel auch die Folgen der Atombombe in Hiroshima. Willst du dazu etwas sagen? HELLINGER Das war eine sehr lange und sehr tiefgehende Aufstellung, die für die Japaner, die das mitgemacht haben, von großer Bedeutung war. Es fing damit an, dass eine Klientin sagte, dass ihr Großvater bei dem Atombombenangriff in Hiroshima umkam. Einer Eingebung folgend habe ich einfach diesen Großvater aufgestellt und einen Vertreter für die Bombe. Diese Bombe stand ganz kraftvoll da, unbeweglich. Der Großvater fiel dann langsam zu Boden. Die Bombe wollte sich ihm auf gewisse Weise zuneigen, konnte sich aber nicht bewegen. Und es war klar, was da natürlich wichtig war: die Frau, deren Großvater dort umkam, war offensichtlich mit der Bombe identifiziert. Ihr Problem war nämlich, dass sie sich nicht traute, nach Hause zu gehen, sie dachte sie sei gefährlich. Also alles Eigenschaften die zur Bombe gehören, die hatte sie verinnerlicht. Bei der Aufstellung hat sie sich auch eine Zeitlang hinter der Bombe versteckt. Im Laufe dieser Aufstellung wurde klar, dass die Atombombe auf einmal die USA repräsentierte, und der Großvater repräsentierte Japan. Wir haben die Aufstellung an dieser Stelle abgebrochen, weil Zeit war für eine Pause. Nach einigen Überlegungen während der Pause haben wir gesagt, wir müssen das noch mal aufgreifen. Aber wir brauchten selbst keine Initiative zu ergreifen, denn es wurden Fragen dazu gestellt. Aus diesen Fragen ergab sich dann, wie die Aufstellung weitergeführt werden musste. Das erste war, dass man hier nicht einfach von Tätern und Opfern ausgehen konnte, dass also nur die Japaner die Opfer waren und die USA die Täter. Denn die Japaner waren ja in ähnlicher Weise Täter, durch ihre Angriffe auf die umliegenden Völker in diesem Krieg oder bereits vor diesem Krieg. Daher war auch nicht zu erwarten, dass der Täter einfach auf das Opfer zuging als sei nur er ein Täter. Er hat auch etwas anderes repräsentiert.
Dann dauerte es sehr lange, bis Japan ganz langsam auf die USA zuging. Aber die USA blieben stehen. Erst als Japan ganz nah gekommen war, reichte der Vertreter der USA Japan die Hand. Dann gaben sie sich beide, innerhalb des Kreises dieser Opfer die Hand. Das diese Bewegungen genau der Wirklichkeit entsprachen, war eindrucksvoll, denn der erste Angreifer waren die Japaner. Deswegen konnten die USA nicht einfach auf sie zugehen. Japan musste hier den ersten Schritt machen und dann erst konnten auch die USA sich Japan zuwenden. Man sah hier auch: Erst wenn die Opfer beiden in den Blick kommen, können sie aufeinander zugehen. Hier konnte man sehen, wenn das geschieht, können beide gemeinsam um die Opfer trauern. Dadurch erst wird die volle Versöhnung zwischen ihnen möglich oder vertieft. HOHNEN Obwohl es japanische Stellvertretern bei dieser Aufstellung waren, haben wir die gleichen Dynamiken gesehen, wie bei anderen Aufstellungen, wo es um die Opfer-Täter-Dynamik geht, nur in einer komplexeren Art und Weise, wie du sie gerade geschildert hast. HELLINGER Ja genau, dem braucht man, glaube ich, jetzt nichts hinzuzufügen. Es gab ja noch andere Aufstellungen, wo Täter und Opfer eine Rolle gespielt haben, und da kamen ähnliche Dynamiken ans Licht. HOHNEN Es hat mich beeindruckt, wie sich bei vielen Aufstellungen, obwohl die Repräsentanten keine Vorerfahrungen hatten, vieles von den Einsichten, die durch das Familienstellen möglich wurden, mit einer besonderen Klarheit, Direktheit und Schnelligkeit bestätigt haben. HELLINGER Es wurde deshalb so klar, wie kaum bei anderen Aufstellungen, weil sie so in sich gesammelt waren. HOHNEN Gibt es noch andere Aufstellungen, wo du sagen kannst: das war für mich eine Besonderheit? HELLINGER Ja, die letzte Aufstellung in Kyoto. Das Thema war ja zuerst, dass eine Frau sagte, dass ihre Mutter sie ablehne und dass sie deshalb nicht nach Hause kommen will. Sie ist dann zu einem Guru gegangen und weilte eine Zeitlang bei ihm. Dann habe ich Vertreter für die Mutter aufgestellt, für die Klientin und für den Guru. Das Gesicht der Stellvertreterin der Klientin verzog sich und bekam einen sehr aggressiven Ausdruck, und ich habe einen Satz gewagt, der eigentlich schockieren musste, aber für mich aus der Aufstellung heraus stimmte. Ich habe die Stellvertreterin der Klientin der Mutter sagen lassen: "Ich will dich umbringen." Die Stellvertreterin hatte eine gewisse Hemmung, diesen Satz zu sagen. Ich habe sie gegen die wirkliche Person ausgewechselt und sie diesen Satz sagen lassen. Als ich sie fragte, ob der Satz stimmte, sagte sie: Ich will sie nicht umbringen, aber ich will, dass sie stirbt." Das habe ich sie sagen lassen, und sie sagte es mit großer Aggression.
So etwas können wir uns in Europa nur schwer vorstellen, dass jemand
seinen Eltern gegenüber einen solchen Hass zum Ausdruck bringen kann.
Ich habe die Aufstellung hier abgebrochen, weil ich sah, dass ich nichts
machen konnte. Ich wusste natürlich, welche Konsequenzen ein solcher
Satz für den Klienten hat, wollte es aber nicht sagen. Es ist ja
vom Familien-Stellen her ganz klar: Wer so etwas zum Ausdruck bringt,
der fühlt sich des Todes schuldig. Ich habe sie dann vergessen. Ganz zum Schluss des Kurses kam sie noch einmal zu mir und sagte, dass ihr die Aufstellung vom Vortag keine Ruhe gelassen hätte. Sie fragte, ob ich noch einmal mit ihr arbeiten würde. Ich habe zugestimmt und habe die Herkunftsfamilie aufgestellt, also die Mutter, den Vater und sie - aber das brachte nichts. Dann hast du ja den Vorschlag gemacht, dass man auf die Ahnenreihe schauen sollte. HOHNEN Weil von dir kam, dass hier scheinbar etwas sehr Archaisches im Hintergrund wirkte. HELLINGER Jedenfalls habe ich deinen Vorschlag aufgegriffen. Ich habe ihre Mutter aufgestellt hinter sie noch sieben weitere Ahnen, immer Tochter-Mutter-Tochter-Mutter. Dann habe ich eigentlich selbst kaum noch etwas gemacht, die Aufstellung lief von ganz alleine. Die Klientin stand ihrer Mutter gegenüber, doch ihre Mutter konnte sich nicht rühren. Dann, nach einiger Zeit, habe ich die Mutter der Klientin zu ihrer Mutter umgedreht. Diese ist von ihr zurückgegangen. Da war auch der Fluss der Liebe unterbrochen. Dann hat die Mutter der Mutter sich von alleine zu ihrer Mutter umgedreht. Auch da gab es keine Verbindung. Auch diese Mutter hat sich auch von alleine umgedreht zu ihrer Mutter - und so ging weiter es bis zur achten. Überall gab es keine Verbindung zwischen Mutter und Tochter. Die achte Ahnin hat die Fäuste geballt und dabei immer auf den Boden geschaut. Dann ging sie rückwärts weiter nach hinten. Man sah, hier war etwas Elementares geschehen. Mein Bild war ganz klar: Hier gab es einen Mord. Dann habe ich einen Mann gewählt und habe ihn vor sie auf den Boden legen lassen. In dem Augenblick, das war jetzt das Seltsame, ist die Klientin, die ja selbst in der Aufstellung war, auf dem Boden zu ihm hin gekrochen und hat ihn liebevoll berührt. Sie war also mit diesem Opfer vor vielen Generationen verbunden oder identifiziert. Danach konnte auch diese achte Frau sich diesem Opfer zuwenden, sodass es zwischen ihnen eine gewisse Versöhnung gab. Dann habe ich die Tochter dieser Frau, die ihr zugewandt stand, umgedreht zu ihrer Tochter, und ganz von selbst gab es zwischen ihr und ihrer Tochter eine Versöhnung. So ging die Bewegung weiter bis zur Mutter der Klientin. Inzwischen habe ich dann die Klientin vor ihre Mutter gestellt und habe die achte Ahnin mit dem Opfer nebeneinander hinter die anderen Frauen gestellt. Nun ging die Klientin vor ihrer Mutter auf die Knie, hat sich vor ihr verneigt, kroch dann zu ihrer Mutter, und hat unter lautem Schluchzen ihre Knie umarmt. Jetzt floß auf einmal ihre Liebe zu ihr. Also, es war eindrücklich, von wie vielen Generationen zuvor etwas auf die Gegenwart wirkt, und wie man das lösen kann, wenn einem zur rechten Zeit das Richtige gesagt und gezeigt wird. HOHNEN Mit Bezug auf die Verneigung, die Verbeugung vor den Eltern oder vor den Ahnen, hast du da irgendwelche Unterschiede gesehen? Man könnte ja sagen, die Japaner verneigen sich ja sowieso, wenn sie sich begegnen. HELLINGER Dass sie sich sowieso verneigen, es also mehr gewohnheitsmäßig tun, war überhaupt nicht zu sehen. Man spürte wirklich durchgehend den Respekt. Der Respekt, mit dem wir überall behandelt wurden, sei es an der Rezeption im Hotel, oder im Restaurant, oder wo immer, kam von Herzen und ging zum Herzen. Für mich selbst habe ich viel gelernt und bei mir gedacht: So ist es eigentlich menschlich. So kam es auch bei den Kursen zum Ausdruck. Ein eindrucksvolles Beispiel zeigte sich bei einem Mann, der sagte, er sei im Konflikt mit seinem Bruder. Als wir es aufgestellt haben, kam heraus, dass seine Mutter die zweite Frau des Vaters war. Ich hatte dann sofort das Bild, dass die Brüder den Konflikt zwischen diesen beiden Frauen austragen. Als wir diese Frauen aufgestellt haben, konnte man sehen, die Brüder übernahmen deren Konflikt. Der eine vertrat die Mutter und der andere vertrat diese erste Frau. Als die zweite Frau der ersten sagen konnte, dass sie sie achtet, und dass sie weiß, dass sie als die erste für sie Platz gemacht hatte, gab es eine freundliche Begegnung zwischen ihnen. Dann habe ich den Vater neben die zweite Frau gestellt und die beiden Söhne ihnen gegenüber. Dieser Klient war während des Kurses sehr zurückhaltend und ganz steif. Doch hier war er auf einmal tief bewegt. Er hat seine Mutter und seinen Vater umarmt, ist dann auf den Boden gegangen und hat sich tief verneigt. Und danach, was für uns ganz seltsam war, aber besonders schön, hat er sich auch vor seinem jüngeren Bruder verneigt. Er hat sich also stellvertretend für seine Mutter auch vor der ersten Frau verneigt, indem er sich vor seinem Bruder verneigt hat. Diese Aufstellung lief weitgehend ohne jede äußere Intervention ab. Sie war ein schönes Beispiel, wie sehr die Japaner am Wesentlichen sind und es uns auch zeigen können. HOHNEN Also die Achtung vor den Ahnen, die ja durch die Verneigung ins Familien-Stellen mit rein gebracht wird, haben wir hier in ihrer heilenden Wirkung besonders schön gesehen. Wir haben darüber hinaus gesehen, wie die Achtung im Alltagsleben wie Balsam wirkt. Auch ich fing nach drei Tagen an, mich zu verneigen, egal wo wir waren. Es hat einfach eine beruhigende und schöne Wirkung auf die eigene Seele und auf das Miteinander gehabt. HELLINGER Wir haben von den Japanern auch für unsere Seele etwas Wesentliches mitgenommen. HOHNEN Wenn ich auf die beiden Kurse zurückblicke, gibt es ein neues Element in deiner Arbeit, das sich zunehmend stärker gezeigt hat. Ich glaube, es waren mindestens vier Arbeiten, wo du in keiner Weise eingegriffen hast, sondern einfach nur neben dem Klienten, neben der Klientin, gesessen bist, und so etwas wie eine innere Bewegung begleitet hast. Kannst du dazu etwas sagen? HELLINGER Ich habe das vorher auch schon ein paar Mal gemacht. In Schweden habe ich es gemacht, auch in Moskau, aber nur so ein-zweimal. In Japan habe ich es öfters gemacht. Ein Israeli, der in Kyoto mit dabei war, fragte: Wie kommt das, dass die Leute sich neben dich setzen und sofort zu weinen anfangen und tief bewegt sind. Hast du da einen Reisnagel unter ihr Gesäß gelegt? Aber das ist es natürlich nicht. Ich habe sie zuerst nur angeschaut um zu sehen, ob sie von innen her gesammelt sind. Dann habe ich sie einfach die Augen zumachen lassen, und man sah sofort, jetzt fängt in ihrer Seele eine Bewegung an. Ich habe dem nur Raum gegeben. Ich habe manchmal überhaupt nichts gemacht, bis ich gesehen habe, dass es vorbei ist. Ich habe ihnen gesagt: "Jetzt mach die Augen auf." Sie haben gestrahlt und es war gut. Manchmal habe ich eine Bewegung etwas unterstützt, ein ganz klein wenig. Das war eigentlich alles. Hier kommt es ganz auf den inneren Vorgang an. Wenn sie so neben mir sitzen, vertraue ich sie ihrer Seele oder einer größeren Kraft an, die sie leitet. Ich ziehe mich innerlich zurück, und vertraue dass da von selbst etwas geschieht. Ich kann nicht definieren, was das ist, aber ich gebe dem mit Ehrfurcht Raum. Ich verneige mich auch innerlich vor deren Seele oder vor dieser Kraft, und dann läuft das so ab. HOHNEN Das heißt du ziehst dich in dem Augenblick auch von der eigenen Neugierde zurück und von dem Wunsch etwas zu verändern? HELLINGER Ja völlig, ohne das geht es ja nicht. Ich bin dabei nur anwesend wie einer, der mit einem gewissen Wohlwollen daneben sitzt. Aber noch nicht mal das. Ich sitze einfach daneben und vertraue, dass in ihnen etwas passiert. Aber ich schütze sie nach außen, damit keiner eindringen kann. Nur so kann sich das entfalten. HOHNEN Das Faszinierende dabei war, dass im Raum selber über 15 Minuten lang absolute Ruhe, Stille und wohlwollende Begleitung dieser Arbeit spürbar war. HELLINGER Sie waren alle mit gesammelt, insofern hat das ganze Umfeld es mitgetragen. Auch die Teilnehmer haben dem Raum gegeben. Der eine Israeli hat mich gefragt, ob ich weiß was mit der einen Klientin passiert ist. Ich sagte ihm: "Ich will das nicht wissen. Aber schau sie an, sie hat zu dir rüber gelacht und war völlig befreit." Mehr braucht man nicht zu wissen. Hier wird die Arbeit sozusagen in den Raum der dunklen Nacht der Seele gestellt. HOHNEN Wenn man mit dir ein Interview macht, muss man ab und zu auch eine neugierige Frage stellen. Wie ging es dir denn mit den starken Gefühlen, die plötzlich herausbrachen. Ich habe selten einen Kurs erlebt, wo du dem soviel Raum gegeben hast, dass von Anfang an so viel, so tief und innig und auch laut geweint wurde. HELLINGER Ach, ich lange an Gefühle wie andere an Kisten. Mich berührt das nicht in einem persönlichen Sinn. Ich gebe dem Raum, wie es ist. HOHNEN Du hast es früher eher unterbunden, wenn jemand gleich anfing zu weinen und auch sehr laut zu weinen. Was hat sich da verändert? HELLINGER Hier waren die Gefühle primär, nicht sekundär. Man spürte genau, hier wird nicht gespielt, hier ist es der ursprüngliche Schmerz, und dem gebe ich voll Raum. Es hat auch nie sehr lange gedauert. Es sich hat dann auch wieder gelegt. HOHNEN Also die Unterscheidung zwischen primären und sekundären Gefühlen, auf die du sonst hinweist, war hier nicht nötig. Es war ja auch ein wesentliches Merkmal bei den Stellvertretern, dass sie sehr gesammelt waren. Du hast einmal jemand ausgewählt und das war typischerweise auch jemand aus den westeuropäischen Raum, die nicht gesammelt war und sich in der Aufstellung plötzlich wie eine Therapeutin verhalten hat. HELLINGER Sie war aus London. Ich habe sie sofort ausgewechselt. Hier konnte man deutlich den Unterschied zwischen Japanern und vielen Westeuropäern sehen. HOHNEN Wir sind sozusagen ins Fernöstliche eingetaucht, in das eher ruhige Schwingende bei vielem. Gleichzeitig haben wir auch gesehen, dass die Japaner ganz stark der westlichen, vor allem der amerikanischen Kultur Raum geben. Hat das auf dich irgendwelche Wirkungen gehabt, oder siehst du, dass es auf die Japaner eine besondere Wirkung hat? HELLINGER Das kann ich nicht beurteilen. Aber als wir in diese japanischen Gärten gegangen sind und ihnen in uns Raum gegeben haben, spürten wir, welche unglaubliche Ruhe sie ausstrahlen und eine Sammlung, die auch uns zugute kam. Für die Japaner ist das weitgehend noch selbstverständlich, zumindest bei denen, die bei uns waren, war das weitgehend selbstverständlich. HOHNEN Ich habe sehr schnell gesehen, dass dein Herz sehr weit für diese Menschen und ihre Kultur geöffnet war. Du gesagt hast: Hierher komm ich noch mal. HELLINGER Ja das mache ich gerne. HOHNEN Das war eine wichtige Erfahrung. Wenn wir nach Nord- oder Südamerika fliegen, hat das auch etwas Eigenes, aber das hier hatte eine ganz andere, besondere Schwingung. HELLINGER Ja hatte es, eine schöne Schwingung. Das Gefühl für die Menschheit als Ganzes, dieses Einfühlen von gleich zu gleich, das hat sich bei mir durch diese Erfahrungen vertieft. |
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