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Vergangenheit, die ruhen darf, ist die Wurzel des Wachstums

Anmerkungen von Suzi Tucker zum Workshop mit Bert Hellinger in Fort Lauderdale, Florida (USA) vom 7. - 10. Febr. 2003.

Originaltitel: "Growth Takes Root in a Past Laid to Rest".
(Übersetzung aus dem Amerikanischen von Hans-Joachim Reinecke.)

Manchmal setze ich mich nach einem Workshop von Bert Hellinger richtig unter Druck, damit meine Gedanken sofort aufschreibe. Mein Kopf ist dann ganz voll von Gefühlen, Ideen und Empfindungen, die miteinander um Aufmerksamkeit buhlen. Manchmal lasse ich mir aber auch Zeit, bevor ich ein Resümee all jener Minuten, Stunden und Tage ziehe. Dieses Mal fühlte ich mich verpflichtet, erst einmal loszulassen, bevor ich versuchte, eine Zusammenfassung zu erstellen - und trotzdem werden wieder Aspekte bleiben, die erst berücksichtigt bzw. ausreichend gewürdigt werden können, wenn sie sich noch länger gesetzt haben.

Eigentlich kein Wunder, denn die Arbeit selbst ist nicht anders: Langsam und immer in Entwicklung, schwer zu fassen, wie Quecksilber, und voller Überraschungen.
Fort Lauderdale, Florida: Draußen ist es warm, Palmen säumen das Gebäude und ein wolkenloser Himmel grüßt in Sonntagsstimmung. Drinnen haben nun ungefähr 300 Menschen Platz genommen, jeder mit eigenen Motiven und doch vielleicht auch aus ein und demselben Grund. Jeder geht anders um mit seinen Sehnsüchten, seinen Geheimnissen und Traurigkeiten, der Gewalt und den Vernachlässigungen - den eigenen und denen, die vor ihm kamen. Hier ein kleines Lächeln, dort ein eisiger Blick. Hier ein nervöses Kichern, dort vornehme Distanz, eifriges Einverständnis oder gar Kampfbereitschaft. Man sieht auch die Sehnsucht nach Anleitung und gleich daneben die Unfähigkeit, sich Neuem zu öffnen. Es ist genügend Platz da für jede menschliche Regung.

Krebs und seelischer Kummer, Schizophrenie und Einsamkeit, Abtreibung und Adoption, der Verlust der Familie, grausam unterdrückte Völker und Kulturen, Tod und das trotzdem zugleich immerwährende Weitergehen erwarten uns. Angesichts der Kräfte, denen sich jedes Leben ausgesetzt sieht, werden Heilungschancen oft zunächst mehr als gering erscheinen. Vielleicht strebt die Seele aber auch nach ganz anderer Erfüllung? In den Augen dieser wunderbaren und doch so zerbrechlichen Menschen sieht man das Wirken des Schicksals in seiner ganzen Fülle, unvergleichlich bei jedem Einzelnen und doch allzu menschlich. Jeder wird seinen Platz finden, einmalig und doch eingebettet in sein Umfeld, in eine Familie unter allen anderen Familien. Und alle werden die Kraft der Bewegungen der Seele spüren, selbst dann, wenn wir sie nicht einmal in Worte fassen könnten.

Ohne Wurzeln kein Wachstum

Jetzt sind viele von uns bereits vertraut mit der so verlässlichen und zugleich unvorhersehbaren Natur der Arbeit, die wir wieder erleben werden. Ein dem ersten Anschein nach einfacher Satz kann in seiner Wirkung die Familienseele zutiefst anrühren und damit zeigen, wie kompliziert so ein "einfacher" Satz sein kann. Andrerseits können sich komplizierteste Verstrickungen lösen, wenn der Faden sanft, aber an der richtigen Stelle gezogen wird. Tränen können Herzlosigkeit verschleiern, Mitgefühl sich unter versteinerten Empfindungen verstecken.

Wie in anderen Workshops wird sich "Zeit" auch in diesem in der Weise zeigen, wie sie mit den surrealistischen Uhren Dalis so treffend dargestellt wird. Vergangenheit und Zukunft gehen ineinander über und die Gegenwart erweist sich als recht launenhaft. Stellvertreter, Klienten und sogar die Zuschauer gehen in das gemeinsame Feld. Ein Feld, das zunächst keinerlei Information zu enthalten scheint, auch nicht jene unbedeutenden Einzelheiten, mit denen man sonst alles wegerklärt, vor Aufklärung schützt, in Täuschungsmanövern verbirgt oder verleugnet. Stellvertreter, Klienten und sogar die Zuschauer gleiten in die Verkörperung von etwas, das weit größer ist als wir und werden bereit, um am tiefen und doch so vergänglichen Wissen anderer Zeiten und Orte teilzuhaben.

Wenn ich, als von einem Nazi dem Leben entrissenes Kind, den Arm ausstrecke, um dessen Schulter vorsichtig zu berühren ..., wenn ich als verängstige Mutter den Schmerz meiner Tochter in seinem ganzen Umfang spüre, während sie versucht, an mir festzuhalten und ich ihrem Verlangen doch nicht genügen kann ..., wenn ich als selbstmordgefährdete Jugendliche auf die Knie sunke, um dem toten Baby meiner Urgroßmutter die Ehre zu geben ..., wenn ich, als Vertreterin des Todes, die Frau halte, die vor mir als meine Tochter steht ..., wenn ich, von einer Krankheit zerfressen, das Leben selbst um diesen Preis annehme ..., wenn ich als jemand, der keine Liebe kennt, die Hände nach Ausbeutern wie Opfern längst vergangener Generationen ausstrecke und schließlich feststelle, dass meine Arme genügen, um alle zu halten ..., wenn ich - an einem Scheideweg angelangt - endlich die Vergangenheit zur Ruhe kommen lasse.

Es zeigt sich diese fundamentale Dynamik: Wir können erst in Frieden weitergehen, wenn wir unsere Vergangenheit in aller Ernsthaftigkeit würdigen - und mit ihr alle Beteiligten. Damit das möglich wird, müssen wir die Vergangenheit bewusst zur letzten Ruhe betten. Diese Art der "Bestattung" hat nichts mit den familienüblichen Ermahnungen zu tun, doch endlich "alles zu vergessen" oder umgekehrt: sich "damit zu konfrontieren". Wenn sich Opfer und Täter im Angesicht gegenüber stehen, ist Vergessen nicht möglich, und auch die Konfrontation birgt keinen Trost.

Die Vergangenheit ist kein wahrnehmbarer Ort, kein fixierbarer Augenblick im Strom der Zeit. Sie ist alles, was zuvor war. Wie die Quelle jenes Flusses, von dem Bert Hellinger spricht, nicht nach dem Weg fragt, fragt die Vergangenheit nicht danach, was sie mit sich trägt; dieser Fluss trägt alles. Angesichts dieses Unveränderlichen, ewig fließenden Ganzen kann Vergessen oder Konfrontation keine Kraft haben. Sich indessen ganz zu öffnen, um den vollen Strom des Wassers mit all seinen Sedimenten - und dem Leben und dem Tod - mit weit ausgebreiteten Armen aufzunehmen - das hat Kraft. Die gute Saat ist an den Ufern hier und dort zu finden und wenn wir sie nicht zertrampeln, wird sie sich dort auch entwickeln.

Der Traum

Das Auftreten jener Indianerfrauen ist von große Anmut. Eine von ihnen, eine Stammesälteste, sitzt schließlich in sich ruhend neben Bert. Sie wirkt sicher. Bert lächelt, "Du bist eine Frau voller Kraft" Sie nickt. "Und Du weißt, um was es geht". Er berührt sie leicht. Sie lacht und bringt zum Ausdruck, dass sie gerade ein kleines bisschen weiß. "Gut", sagt Bert. Sie sitzt zufrieden da, fühlt sich verstanden. Ich denke mir dabei, dass ich froh wäre, wenn ich nur dieses "Bisschen" wüsste.

Die fünf Frauen repräsentieren 48 Stämme der Ureinwohner, und ihre Vergangenheit ist überfrachtet mit dem Schmerz eines vergewaltigten Volkes. Sie kamen auf den Schwingen eines Traums. Für sie ist der Traum nicht weniger als ein Plan, dessen Ziele und Vorgaben strikt beachtet werden müssen. Sie sind weit weg von daheim in diesem Raum. Sie wissen von der Tiefe der Arbeit, bevor sie es mit Körper und Seele bezeugen. Sie wissen, dass jener Fluss alle zum gleichen Ort trägt, die Opfer wie die Täter, flussabwärts und darüber hinaus. Sie wissen auch, dass an den Seiten des Flusses die Saat bereits ausgebracht ist und aufgehen wird - wenn wir darauf achten, die zarten Triebe nicht zu zertreten.


 
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